Bericht von der ersten Blockchain-Konferenz in Bielefeld

Von Ralf Keuper

Vorgestern fand in Bielefeld die erste Blockchain-Konferenz statt. Ausrichter und Organisator war die IHK Bielefeld.

Im Ostwestfalensaal hatten sich ca. 160 Teilnehmer zusammengefunden, um sich über diese neue Technologie zu informieren. In den verschiedenen Vorträgen wurde indes deutlich, dass es sich bei der Blockchain nicht nur um eine Technologie, sondern auch um eine soziale Innovation handelt, die Veränderungen an den Organisationsstrukturen und der Unternehmenskultur nach sich zieht.

Den Anfang machte Prof. Dr. Andreas Ittner vom Blockchain Competence Center Mitweida. Ittner führte die Anwesenden in das Thema Blockchain ein. Darin machte Ittner auch deutlich, dass es sich bei der Blockchain derzeit noch um eine überwiegend europäische Technologie handelt, wofür u.a. die Hubs Zug (Crypto Valley) und Berlin stehen. Mit der Blockchain-Technologie besteht die Möglichkeit, ein europäisches Gegenstück zu den großen, zentralisierten digitalen Plattformen aus den USA (facebook, Amazon, Google, Microsoft, Apple) und China (Tencent, Baidu, Alibaba) zu schaffen. Ittner machte die Teilnehmer mit der Idee bzw. dem Begriff einer Technischen Person bekannt. Diese würde sich neben die natürlichen und juristischen Personen gesellen. So könnte z.B. ein Auto ähnlich wie eine natürliche Person mit Rechten und Pflichten ausgestattet werden.

Aus Walldorf war Torsten Zube, Head of Blockchain bei SAP, angereist. Zube gab dem Auditorium einen Überblick über die verschiedenen Aktivitäten des ERP-Konzerns im Bereich Blockchain. Etwas futuristisch war das Beispiel eines Autos, das der Nutzer am Smartphone konfiguriert und bestellt. Nachdem die Bestellung abgeschlossen ist, beginnt das Auto in seiner digitalen Ausprägung (Digitaler Zwilling) damit, die Teile zu bestellen und die entsprechenden administrativen Vorgänge, wie die Zollabfertigung, zu initiieren. Bereits in der Realität angekommen sind die Aktivitäten von SAP im Bereich Product Authenticity Validation/Drug Supply Chain Security in der Pharmaindustrie (Vgl. dazu: Blockchain: A Study Rooted in Reality). Dort nutzen mehrere Pharmakonzerne die Blockchain für die Verifikation sog. Sellable Returns. Grundsätzlich hätte die Abstimmung zwischen den Unternehmen auch mittels einer Central Shared DBMS erfolgen können; jedoch konnten sich die Unternehmen nicht darauf einigen, wer von ihnen die Zentrale Datenbank betreiben sollte. Auch die Möglichkeit, die Aufgabe an SAP zu übertragen, stieß bei den beteiligten Unternehmen auf wenig Gegenliebe. Letztlich gehe es bei der Blockchain um die “Digitale Wahrheit”, die jedoch außerhalb des Unternehmens, eben auf der Blockchain, liege, so Zube. Kurz gesagt: Jeder spricht mit der Blockchain, aber nicht mit den anderen Teilnehmern.

Ein wirtschaftlicher Vorteil der Pharma-Blockchain sei, dass damit eine Root Cost Analysis möglich sei. Die Reaktionen können in Echtzeit erfolgen und Maßnahmen ohne großen Zeitverlust eingeleitet werden. SAP verwendet die Hyperledger-Blockchain.

Dass die Blockchain-Technologie nicht nur dazu geeignet ist, die Kommunikation zwischen Beteiligten, die sich nicht kennen und dennoch irgendwie einander vertrauen müssen, zu verbessern, sondern auch neue Geschäftsmodelle ermöglicht, war Inhalt und Tenor des Vortrags von Sven Laepple von Astratum. Die Blockchain sei eine Antwort auf den zunehmenden Bedarf an dezentralen Applikationen in der Wirtschaft und Gesellschaft, wie an der Verbreitung digitaler Währungen wie Bitcoin deutlich wird. Als Beispiele für neue Geschäftsmodelle nannte Laepple Decentralized Travel Ecosystem, Decentralized Proof of Location und Decentralized Digital Advertising (Beispiel: brave).

Ein Unternehmen, das den Wandel zum Distributed Business schon weit voran getrieben hat, ist der Automobilzulieferer und Hersteller von Elektrobussen Wanxiang (Vgl. dazu: White Paper of Blockchain and Distributed Business). Wanxiang ist damit beschäftigt, sein Geschäftsmodell mit der Blockchain zu “disrupten”. Hierfür investiert das Unternehmen in verschiedene Startups, Unternehmen und Initiativen (Vgl. dazu: Blockchain, Quo Vadis? by Sven Laepple, founder ASTRATUM, Folie 32). 

Didier Goepfert von Streamr gab den Anwesenden einen Einstieg in das weite Feld des Datenhandels. Die meisten Daten werden in Zukunft von Sensoren erzeugt, wie sie im Internet der Dinge verwendet werden. So können Autos ebenso wie Windkraftanlagen über Sensoren Daten übermitteln, die für andere Unternehmen oder Institutionen einen Wert haben. Ebenso ist es möglich, dass durch die Erfassung der Sensordaten in Echtzeit frühzeitig auf Probleme hingewiesen werden, wie z.B. der sich anbahnende Ausfall einer Maschine (Predictive Maintenance).

Den Abschluss machte Prof. Dr. Rainer Lenz von der FH Bielefeld, der zusammen mit Jörg Rodehutskors von der IHK Bielefeld Initiator des Arbeitskreises Blockchain und Smart Contracts ist, der einmal monatlich stattfindet. Lenz wies darauf hin, dass die Verwendung einer Blockchain nicht um ihrer selbst erfolgen sollte. Es gelte zunächst zu klären, ob die Blockchain die Lösung für die betreffende Aufgabenstellung sei, wobei Lenz auf das Paper Do you need a Blockchain? von Karl Wüst hinwies. Es sei daher zu empfehlen, einen entsprechenden Entscheidungsprozess zu durchlaufen:

Quelle: Do yo need a Blockchain?

Lenz sagte, die Blockchain werde die nominale Unternehmenswelt verändern. Haupteinsatzfelder der Blockchain sind das Identifizieren, Registrieren und Attestieren. Die Blockchain kann die “costs of trusts” erheblich reduzieren. Auf der anderen Seite stehe die wachsende Komplexität, die mit der Blockchain in die unternehmensinternen und unternehmensübergreifenden Prozesse Einzug halte. Bei richtiger Anwendung, so Lenz, könne die Blockchain aus Investitions- und Finanzierungssicht für Unternehmen die richtige Wahl sein.

Schlussbetrachtung

Die Blockchain, das ging aus den Vorträgen hervor, ist mehr als nur ein vorübergehendes Phänomen. Sie ist Ausdruck eines Wandels, der sich in Wirtschaft und Gesellschaft an einigen Stellen bereits vollzogen hat und noch im Gange ist. “Die” Blockchain gibt es ohnehin nicht. Es sind zahlreiche Lösungen und Initiativen aktiv, von denen sich auf Dauer nur eine Handvoll wird durchsetzen können. Insofern ist man gut beraten, sich mit der Funktionsweise der Blockchain bzw. der übergeordneten Kategorie der Distributed Ledger Technologies vertraut zu machen, also in gewisser Hinsicht einen agnostischen Ansatz zu verfolgen. Die Blockchain ist nicht nur eine Technologie; sie steht auch für ein neues Organisationsmodell, für eine andere Art, Daten und Informationen untereinander zu tauschen, um davon gemeinsam zu profitieren bzw. um überhaupt noch im Geschäft zu bleiben bzw. das Geschäft nicht an die großen digitalen Plattformen wie Amazon oder Alibaba über kurz oder lang abzugeben. Der dezentrale Ansatz der Blockchain passt eigentlich sehr gut zum kontinental-europäischen Wirtschaftsstil.

Zuerst erschienen auf Westfalenlob

 

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