Digitale Identitäten als Singularitäten

Von Ralf Keuper

In der Vergangenheit wurde das Besondere als Kontrast zum Allgemeinen wahrgenommen. Etwas Besonderes war von der Anzahl her gering, beim Kunstwerk sogar nur einmalig. Mit der Digitalmoderne nun kommt es zu dem auf den ersten Blick paradoxen Phänomen, dass sich das Besondere in Form von Singularitäten massenhaft verbreitet. Der alte Gegensatz scheint hinfällig geworden zu sein. In seinem vielbeachteten Buch Die Gesellschaft der Singularitäten beschreibt Andreas Reckwitz diesen Wandel, der für den Übergang von Industriegesellschaft hin zur Spätmoderne oder Digitalmoderne steht:

Die Überlagerung der alten Logik des Allgemeinen der Industriegesellschaft durch eine soziale Logik des Besonderen der Spätmoderne betrifft letztlich und in außerordentlichem Maße die Formen des Sozialen, des Kollektivs und des Politischen zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Singualrisiert werden keineswegs nur Individuen oder Dinge, sondern auch Kollektive.

Über den Vorgang der Singularisierung:

Die Singularitäten sind nicht kurzerhand objektiv oder subjektiv vorhanden, sondern durch und durch sozial fabriziert. Was als eine Einzigartigkeit gilt und als solche erlebt wird, ergibt sich, .., ausschließlich in und durch soziale Praktiken der Wahrnehmung, des Bewertens, der Produktion und der Aneignung, in denen Menschen, Güter, Gemeinschaften, Bilder, Bücher, Städte, Events und dergleichen singularisiert werden.

Kurzum: Alles lässt sich irgendwie typisieren – auch das Besondere, das früher als Originalität, als etwas Einzigartiges, Einmaliges galt.

Besonders sichtbar wird die Singularisierung laut Reckwitz bei der automatischen Profilerstellung, wie bei der Profilpflege von den Nutzern in den sozialen Netzwerken, oder in Form der automatischen Profilerstellung vor allem von facebook und Google zum Geschäftsprinzip erhoben wird.

Über den Unterschied zwischen dem öffentlichen und den maschinell erstellten Nutzerprofilen:

Anders als das öffentliche Profil von Nutzern braucht dieses maschinelle Subjekt-Profil keine identifizierbare Kohärenz zu besitzen; es reicht, dass es sich beim Subjekt um ein Ensemble heterogener Präferenzstrukturen handelt, bezogen etwa auf Musikstile, Politik und Bekleidung. Das Subjekt erscheint in der algorithmischen Beobachtung als eine Art multiples Selbst, dessen einzelne Bestandteile in der vergleichenden Perspektive Muster bilden, die sich auch bei anderen Nutzern zeigen.

Das maschinelle Profil benötigt nur Attribute, bestimme Merkmale einer Person, die sich mit den Profilen anderer korrelieren und in irgendeiner Form, meist zu Werbezwecken, vermarkten lassen.

Spätestens hier stellt sich die Frage, ob die Nutzer auf diese Weise nicht zu Objekten degradiert werden, die gemessen, gewogen und miteinander verglichen werden können, wobei bestimmte Merkmale unter den Tisch fallen, da ökonomisch ohne Wert. Wird die Würde des Menschen damit nicht granularisiert bzw. negiert? (Vgl. dazu: Wird die Würde des Menschen durch die Digitalisierung granularisiert?). Digitale Identitäten sind hiervon besonders betroffen. Wer sorgt dafür, dass die Digitalen Identitäten nicht automatisch mit der Person und ihrer Eigenkomplexität, die sich eben nicht bewerten und messen lässt, weder in der Logik des Marktes noch in der des Sozialen, zusammenfallen? Dass mit der Verbreitung Digitaler Identitäten die Singularisierung voran getrieben wird, steht außer Zweifel – das gilt vor allem für technische Objekte und Geräte. Können die digitalen Identitäten der Menschen mit denen der Objekte vermischt werden, ohne dass wir Gefahr laufen, Menschen mit Maschinen und Objekten gleichzusetzen? Oder anders: Schreiben wir irgendwann den Maschinen ähnliche Eigenschaften wie den Menschen, wie z.B. das Bewusstsein und Gefühle zu, um damit die Unterschiede zu überwinden bzw. zu verwischen und damit so ziemlich alles messbar zu machen? Wann schießen wir über das Ziel hinaus? Können Selbstverwaltete Digitale Identitäten hier Abhilfe leisten, da es mit ihnen möglich ist sich, anonym im Netz zu bewegen oder nur bestimmte Merkmale nach außen zu geben?

Wie wir es auch drehen und wenden: Wir benötigen in Zukunft Institutionen und Verfahren, die uns davor beschützen, auf den Rang reiner Objekte reduziert zu werden. Welche Logik soll in der Wirtschaft und Gesellschaft der Spätmoderne bestimmend sein – die der Algorithmen? Wer übernimmt die Funktionen der Überwachung und Kritik? Sind Digitale Identitäten ein Stück der Persönlichkeit, oder stellen sie einen Vermögenswert dar, den es ebenfalls zu schützen gilt?

Richtig ist wohl, dass die Gesellschaft granularer wird, was dazu führt, dass Merkmale, die früher als besonders bewertet wurden, zu Mustern und Typen zusammengesetzt werden können, die dann nur noch in Nuancen voneinander abweichen, z.B. dadurch, dass sie sich im Gebrauch und Besitz von Objekten und Geräten voneinander unterscheiden. Jeden Maschine wird – in Maßen – zu etwas Besonderem, das spezieller Pflege (Predictive Maintenance, Personalisierung) bedarf. Wer es als Anbieter schafft, diesen Graubereich zu bewirtschaften oder hier vermittelnd tätig zu sein, ohne dabei in den Verdacht der Überwachung und Manipulation zu geraten, ist König.

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