Europaletten mit der Blockchain verwalten

Von Ralf Keuper

Konkrete Anwendungsfälle für die Blockchain-Technologie sind derzeit noch Mangelware. Nicht jeder Geschäftsvorfall ist für den Einsatz bzw. die Pilotierung einer Blockchain geeignet. Es müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein, damit die Blockchain ihre Vorteile, wie den Zugriff aller Teilnehmer auf identische und verifizierte Daten, ausspielen kann. Um so einen Fall handelt es sich bei dem Palettentausch, wie es in Palettenchaos adé? heisst:

Nahezu alles ist papier-basiert und von manueller Dokumentation sowie manuellen Tätigkeiten geprägt. Intransparenz ist ein weiteres Stichwort.

Der Ladungsträgeraustausch ist auch deshalb prädestiniert, da es sich um ein System handelt,

bei dem die Beteiligten sich untereinander oft nicht kennen und es keine standardisierten Regeln, Rechte und Pflichten gibt. Genau so wenig wie einen Intermediär, der den Tausch überwacht.

Unter der Leitung von GS1 Germany  wurde vor einigen Wochen daher das Pilotprojekt Palettentausch mit Blockchain gestartet. Darin haben sich über 25 Unternehmen aus Handel, Industrie, Logistik, IT, der Gründer-Szene, Verbänden und Wissenschaft zusammengefunden, um die Blockchain-Technologie bis Ende 2018 zu testen, wie auf der Homepage zu erfahren ist. Gemeinsam will man Erfahrungen sammeln und Lernfortschritte teilen.

Projektziel ist der digitale Palettenschein:

Im Kern unseres Projekts steht der Palettenschein. Noch gehört er in Papierform zum Tagesgeschäft eines jeden LKW-Fahrers und sorgt in der Logistik oftmals für Ineffizienz und Intransparenz. Warenempfänger setzen ihn ein, wenn der Palettentausch zum Beispiel an der Laderampe beim Händler nicht direkt erfolgt. Der Schein dokumentiert Anzahl, Art und Güte der Ladungsträger. Sein Besitzer kann ihn später beim Aussteller oder bei einem beauftragten Dienstleister wieder einlösen. Klingt simpel, hat aber wie gesagt mehr als einen Haken: Stichwort Papier, unbekannte Akteure und fehlende Kontrollinstanz. Das macht das Ganze extrem unübersichtlich. Wenn sich der Palettentausch mittels Blockchain effizienter und transparenter verwalten lässt, wäre das ein Quantensprung.

Die Nutzung der Blockchain-Technologie ist nicht nur für die IT-Abteilungen der beteiligten Unternehmen eine Herausforderungen bzw. neue Erfahrung. Diese halten sich noch in Grenzen, da in der Pilotphase bewusst auf den Einsatz von Smart Contracts verzichtet wurde, um die Komplexität nicht schon in der Anfangsphase überhand nehmen zu lassen. Verwendet wird eine Private Permissioned Blockchain (Multichain), so Regina Haas-Hamannt, Head of Innovation (GS1 Germany) und Projektleiterin. Die größte Herausforderung der Blockchain liegt weniger auf der technologischen, sondern eher auf der Ebene der Unternehmenskultur und Kommunikation, so Regina Haas-Hamannt. Unternehmensübergreifende Zusammenarbeit setzt ein Mindestmaß an Vertrauen, Transparenz und Offenheit voraus. Mangelt es daran schon in den Unternehmen selber, verläuft die Kommunikation mit anderen Unternehmen, zu denen man womöglich in einem Konkurrenzverhältnis steht, um so schwieriger. Wichtig daher, dass ein Umfeld geschaffen wird, in dem die Unternehmen bereit sind, über ihren Schatten zu springen und sich auf gemeinsame Verfahren und Sprachregelungen/Standards zu einigen. Dies ist besonders für die Gestaltung der Prozesse und im Bereich des Datenmanagements von elementarer Bedeutung. Unternehmen, deren Prozesse und Datenmanagement lückenhaft sind bzw. noch nicht den nötigen Reifegrad für die automatische Transaktionsabwicklung über die Unternehmensgrenze hinweg aufweisen, können schnell zum Bremsklotz werden. Die Blockchain-Technologie ist keine Plug & Play- Technologie, die sich einfach, ohne Eingriffe an den bestehenden Verfahren implementieren lässt. Bei der Blockchain handelt sich nach Ansicht der Autoren von Disrupting Governance: The New Institutional Economics of Distributed Ledger Technology) in erster Linie um eine Institutional Technology.

.. blockchains, are alternative governance institutions—whose relative efficiency is determined by micro-institutional transaction cost considerations .. This is the fullest expression of blockchains not as a new informational and communications technology, but as a new institutional technology.

In dieser Blickverschiebung, weg von der reinen Technologie hin zu den organisationalen Aspekten, liegt, so Regina Haas-Hamannt, die eigentliche Herausforderung. Fragen, die sich die Unternehmen stellen müssen, betreffen u.a. das Maß des eigenen Engagements. Will man sich auf eine mehr oder weniger passive Rolle beschränken oder beabsichtigt man, aktiv an der Gestaltung der Governance-Strukturen und der Technologie mitzuwirken? Wieviele Engagement ist Voraussetzung für die Teilnahme eines Unternehmens an einer gemeinsam betriebenen Blockchain? Was geschieht, wenn die Teilnehmer ihren Verpflichtungen nicht nachkommen? Welche Rechtsform/Governance-Struktur ist für die gemeinsame Blockchain am besten geeignet – eine Genossenschaft?

Aus all dem wird deutlich, dass die Beteiligten noch einen weiten Weg vor sich haben.

Aber, wie sagte schon Konfuzius:

Auch der weiteste Weg beginnt mit einem ersten Schritt.

Wer sich über den Projektfortschritt auf dem Laufenden halten will, sollte regelmäßig auf dem Blockchain-Blog vorbei schauen.

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