Scheer Holding: Musterbeispiel einer modernen Netzwerkorganisation

Von Ralf Keuper

In der Vergangenheit hatten die Unternehmen häufig nur die Wahl zwischen einer nach funktionalen oder divisionalen Kriterien ausgerichteten Organisationsform. Etwas später kamen die Matrix-Organisation und die Prozessorganisation dazu. Damit schien die Komplexität des Marktumfeldes beherrschbar. Der technologische Fortschritt, häufig auf das Schlagwort “Digitalisierung” verkürzt, hat indes die Grenzen der bekannten Organisationsformen vor Augen geführt. Sogenannte Plattformen oder digitale Ökosysteme wie Apple, Google, Amazon, Uber oder AirBnb, die sowohl Skalen- wie auch Synergieeffekte realisieren können, sind die derzeit am besten an das aktuelle Marktumfeld angepassten Organisationsformen.

Netzwerkorganisationen – von der Hanse bis heute

Daneben existiert noch ein Organisationstyp, der bereits in der Vergangenheit in Form der Hanse erfolgreich war – die Netzwerkorganisation. Im Idealfall handelt es sich hierbei um einen relativ losen Verbund, der vor allem durch informelle Beziehungen gesteuert wird. So wie die Hansestadt Lübeck das inoffizielle Haupt der Hanse war (Primus inter pares), so sollte auch eine Netzwerkorganisation ohne eine zentrale Entscheidung- und Kontrollinstanz auskommen.

Im Industriezeitalter sind die Genossenschaften diesem Ideal am nächsten gekommen.

Scheer Holding

Zu den wenigen Beispielen einer modernen Netzwerkorganisation gehört die Scheer Holding in Saarbrücken, die sich selbst als The Innovation Network bezeichnet.

August-Wilhelm Scheer “Lebenswerk gerettet”

Der, wenn man so will, Vorläufer war die damalige IDS Scheer. Im Jahr 2009 übernahm die Software AG die IDS Scheer. Unternehmensgründer August-Wilhelm Scheer behielt u.a. die IMC AG , die Lösungen für das E-Learning entwickelt. Im Jahr 2014 nahm August-Wilhelm Scheer die Gelegenheit wahr, die Scheer-Consulting-Sparte von der Software AG zurückzukaufen. In So Rettete ich mein Lebenswerk beschreibt August-Wilhelm Scheer den Entscheidungsprozess, der zu dem Rückkauf führte.

Seitdem hat sich unter dem Dach der Scheer-Holding eine Unternehmensgruppe aus mehreren Unternehmen, Startups und dem August-Wilhelm-Scheer-Institut (AWSI) mit insgesamt etwas mehr als 1000 Mitarbeitern herausgebildet.

Die Säulen bilden die etablierten Unternehmen (Scheer, IMC), die Startups (IS Predict, backes SRT, OKIN Lab, Inspirient, Fanomena, Online Lessons) und Research (AWSI).

Dr. Wolfram Jost

Von rechts nach links betrachtet, bewegt man sich von den Ideen hin zu den marktreifen Produkten und Services. In der entgegengesetzten Richtung geht es eher um Know-How-Transfer in Form professioneller Services wie Management/Expertise, HR, Presse und Vertrieb. Als Integratoren bzw. Bindeglieder fungieren dabei neben Gründer August-Wilhelm Scheer u.a. der Manager Dr. Wolfram Jost sowie der bekannte und renommierte KI-Forscher Wolfgang Wahlster (Vgl. dazu: Scheer Gruppe startet Wachstums- und Innovationsoffensive mit namhaften Experten). Weiterhin wird das Zusammengehörigkeitsgefühl durch gemeinsame Veranstaltungen und Gesellschafterversammlungen gestärkt. Weniger ins Gewicht fallen dabei die Kapitalverflechtungen.

Glanz der Dauer 

Scheer sieht sich ausdrücklich nicht in der Rolle eines Finanzinvestors, der auf den möglichst baldigen und profitablen Exit schielt. Ihm geht es um den Aufbau langfristig erfolgreicher Unternehmen. Ausschlaggebend für ein Investment in ein Startup sind für ihn die Gründerpersönlichkeiten. Damit bewegt er sich auf einer Linie mit Georges Doriot, “The Father of Venture Capitalism”, der einmal sagte:

I don’t invest in products or technologies. I only invest in people.

Angestrebt wird also der “Glanz der Dauer” und nicht der “Triumph des Augenblicks” (Ortega y Gasset).

August-Wilhelm-Scheer-Institut

Dr. Dirk Werth

Ein wichtiges Element des Scheer-Netzwerkes ist das bereits erwähnte gemeinnützige August-Wilhelm-Scheer-Institut, das von Dr. Dirk Werth als Geschäftsführer und wissenschaftlichem Direktor geleitet wird.

Das Institut zählt mittlerweile 70 Mitarbeiter aus 18 Nationen. Momentan sind noch einige offene Projektstellen zu besetzen. Forschungsschwerpunkte/Cluster sind

  • Künstliche Intelligenz
  • Digital Realities
  • Industrie 4.0 / Dienstleistungen

KAMeri 

Tobias Greff, AWSI-Mitarbeiter der ersten Stunde, mit Headset mit integriertem Brain-Computer-Interface

Ein aktueller Erfolg ist die Auszeichnung im Wettbewerb Land der Ideen für “KAMeri – Kognitiver Arbeitsschutz für die Mensch-Maschine-Interaktion“(Vgl. dazu: Das Verbundvorhaben „KAMeri“ wurde am 14. Mai 2019 als eines von zehn „ausgezeichneten Orten im Land der Ideen 2019“ im Rahmen einer feierlichen Preisverleihung in Berlin geehrt.).

In dem Projekt wurde eine neuartige Brain-Computer-Schnittstelle für die Mensch-Roboter-Interaktion entwickelt. Damit ist es möglich, die Gehirnströme des Menschen zu erfassen, um dadurch die Interaktion an dessen mentalen Zustand anzupassen – für mehr Sicherheit am Arbeitsplatz.

Netzwerkorganisationen lassen sich nicht planen 

Für den Organisationsforscher und Management-Theoretiker Henry Mintzberg lassen sich Strategien nicht planen; sie müssen sich entwickeln, herausbilden. Situationen können sich rasch wandeln und dadurch die am grünen Tisch entworfene Strategie zu Fall bringen. Wichtig ist, überraschende Ereignisse aufnehmen und die Strategie entsprechend anpassen zu können. Eine wirksame Strategie lässt sich erst im Nachhinein als solche identifizieren. Mintzberg zitiert in dem Zusammenhang den Philosophen Sören Kierkegaard:

Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.

So hält es auch August-Wilhelm Scheer. Das heutige Innovationsnetzwerk ist nicht das Ergebnis eines einsamen Entschlusses, sondern verdankt seine Entstehung auch Zufällen bzw. bestimmten ungeplanten Ereignissen.

Crosspost von Econlittera

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