Unsichtbare Identifizierungslösungen als Königsweg?

Von Ralf Keuper

Es ist derzeit Mode, von technischen Lösungen zu verlangen, sie mögen doch bitte weitestgehend unsichtbar sein, um die Customer Journey und Conversion Rate nicht unnötig zu belasten. Es wird der Eindruck erweckt, dass die Lösungen nach Regeln arbeiten, die sich auf rein technische Fragestellungen reduzieren lassen, d.h. die Funktionslogik der Stummen Medien (Roberto Simanowski) bleibt unberücksichtigt.

Beispielhaft dafür ist der ingesamt informative und lesenswerte Beitrag A Great Digital Identity Solution Is One You Can’t See.

Daraus:

No solution—whether homegrown or off the shelf—will truly succeed unless it is designed with consumer preferences and behavior in mind. This means using data and technology in a way that lets authentication operate invisibly in the background—just the way consumers like it. This isn’t easy to do. The solution must access the right identifying information at the right time, leverage a flexible data infrastructure (one that brings together different types of structured and unstructured data), and call on sophisticated capabilities in artificial intelligence and machine learning. But this holistic approach to digital identity—bringing simplicity to consumers, security for businesses, and success for the providers who get it right—is achievable.

Zwar werden darin auch die Lösungen für Selbstverwaltete Digitale Identitäten lobend erwähnt, ohne jedoch näher darauf einzugehen, wie dieser Ansatz mit den anderen vorgestellten harmoniert. Es dominiert die Business-Sicht, der Nutzer soll sich möglichst sicher fühlen und davon ausgehen können, dass die eingesetzten Technologien und Verfahren mit den gängigen Datenschutzverordnungen kompatibel sind und die Sicherheit ihrer Daten gewährleistet ist. Das klingt ein wenig nach blindem Vertrauen in die Technologie.

Die Frage ist allerdings berechtigt, ob die Nutzer überhaupt so viel Transparenz und Kontrollmöglichkeiten wollen, wie sie von den selbstverwalteten Identitäten mehr oder weniger implizit vorausgesetzt werden. Können sie überhaupt etwas mit den Möglichkeiten und Tools, die Kontrolle über ihre Daten und Identitäten zu erlangen, anfangen? Ist das nicht mit dem Flugzeug oder dem Auto zu vergleichen, auf dessen Funktionsfähigkeit ich mich verlassen muss, da ich weder die Zeit noch die Kenntnisse habe, mir selber ein Bild über den technischen Zustand zu verschaffen? Brauchen wir eventuell auch hier vertrauenswürdige Institutionen, die darüber wachen, ob die eingesetzten Technologien, Regelwerke und Algorithmen tatsächlich zum Wohle der Nutzer wie auch der Allgemeinheit eingesetzt werden? Wie wäre es mit Identity Banks, Personal Data Banks, Datengenossenschaften, Algorithmic Angels?

Wenn die Identifzierungslösungen tatsächlich weitgehend unsichtbar und verlässlich arbeiten sollen, dann sind dazu im Hintergrund entsprechende Verfahren nötig. Die Komplexität verschwindet nicht dadurch, dass sie an der Oberfläche unsichtbar wird – sie ist nur woanders.

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