Während Estland mit zentralisierter Staatsfunktion erfolgreich ist und Indien mit Aadhaar ein biometrisches Zentralsystem durchgesetzt hat, verfolgt Kanada einen dritten Weg: Das Pan-Canadian Trust Framework (PCTF) koordiniert bestehende Provinzsysteme durch gemeinsame Standards, statt sie zu ersetzen. Entwickelt vom Digital ID and Authentication Council of Canada (DIACC) seit 2012, basiert das Framework auf W3C-Standards, dezentralen Identifikatoren und einem Mosaikprinzip, bei dem Nutzer ihre Identität aus verschiedenen Credentials zusammensetzen. Mit Zielen wie der Halbierung von Betrugsverlusten und 90-prozentiger nationaler Abdeckung bis 2031 positioniert sich Kanada als alternatives Governance-Modell – weder autoritär-zentralistisch wie Indien noch voraussetzungsreich wie Estland, sondern als föderale Koordinationsarchitektur mit markt-getriebener Adoption.
I. Drei Modelle digitaler Identität
Estland hat mit e-identity ein zentralisiertes Staatssystem etabliert, das nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ohne Legacy-Infrastruktur aufgebaut werden konnte. Die e-ID ist in nahezu alle staatlichen und viele private Services integriert. Das Modell funktioniert auf der Basis hohen institutionellen Vertrauens in einem kleinen Land mit 1,3 Millionen Einwohnern.
Indien hat mit Aadhaar über eine Milliarde Bürger in einer zentralen biometrischen Datenbank erfasst. Das System wurde durch Koppelung an Sozialleistungen, Bankkonten und SIM-Karten durchgesetzt – möglich, weil große Teile der Bevölkerung zuvor keine formalen Identitätsdokumente besaßen.
Kanada verfolgt mit dem Pan-Canadian Trust Framework einen dritten Weg: Koordination bestehender Provinzsysteme und sektoraler Identitätslösungen durch gemeinsame Standards, statt sie durch neue Infrastruktur zu ersetzen.
II. Das DIACC und die Architektur des PCTF
Das Digital ID and Authentication Council of Canada (DIACC) wurde 2012 als Multi-Stakeholder-Organisation gegründet, mit Vertretern von Regierungen, Finanzinstitutionen, Technologieanbietern und Verbraucherschutz. Im März 2019 wurde der erste Entwurf des PCTF vorgestellt, entwickelt in einem Konsultationsprozess mit über 200 Organisationen.
Vier Kernprinzipien
Institutionelle Kontinuität: Das Framework untergräbt keine bestehenden Institutionen. Banken bleiben Verifizierer für Finanzidentitäten, Provinzregierungen für Bürgeridentitäten, Berufskammern für professionelle Qualifikationen. Wie Sunil Abraham formuliert: “Die DIACC stärkt diese Institutionen, indem sie einen universell akzeptablen Überprüfungsstandard bereitstellt.”
Netzwerkarchitektur: Nach Internet-Prinzipien ohne single point of failure. Joni Brennan, Präsidentin des DIACC: “Der Schlüssel erfordert interoperable Netze, in denen überprüfbare Datenanforderer bestimmte Attribute zur Überprüfung anfordern und Attributüberprüfer diese Überprüfung vornehmen.” Das PCTF definiert Protokolle zwischen bestehenden Systemen, keine neue Plattform.
Technologische Neutralität: W3C-Standards für Decentralized Identifiers und Verifiable Credentials …
