Die Ankündigung von Telefónica Tech, eine Self-Sovereign Identity (SSI)-Lösung zur Vorbereitung auf kommende EU-Regulierung zu entwickeln, folgt einem vertrauten Muster europäischer Digitalstrategien: Regulierung als Innovationstreiber, technologische Souveränität als Zielvorgabe, dezentrale Architekturen als Lösungsversprechen. Die Initiative verdient eine nüchterne Einordnung jenseits der üblichen Verlautbarungsrhetorik.


Technische Grundstruktur und regulatorischer Kontext

Das vorgestellte Konzept basiert auf verifiable credentials – kryptographisch gesicherten digitalen Nachweisen, die Organisationen ausstellen und Nutzer lokal auf ihren Endgeräten verwalten. Die Datenübermittlung erfolgt selektiv via QR-Codes, wobei nur die für den jeweiligen Transaktionskontext erforderlichen Attribute offengelegt werden. Dieses Prinzip der Datenminimierung entspricht sowohl der DSGVO-Logik als auch den Anforderungen der geplanten European Digital Identity (EUDI) Wallet, deren flächendeckende Einführung bis Ende 2026 vorgesehen ist.

Die technologische Architektur integriert Blockchain-Elemente – Telefónica nennt das eigene TrustOS-Framework – zur Gewährleistung von Nachverfolgbarkeit und Unveränderbarkeit der ausgestellten Credentials. Damit positioniert sich die Initiative innerhalb jenes Paradigmas dezentraler Identitätsverwaltung, das seit Jahren als Alternative zu den dominanten Login-Infrastrukturen der US-Plattformen (Google, Apple, Meta) propagiert wird.

Strukturelle Einordnung: Compliance-getrieben statt marktgetrieben

Auffällig ist die primär regulatorische Motivation der Initiative. Telefónica Tech entwickelt keine Lösung als Antwort auf identifizierte Marktdefizite oder artikulierte Nutzerbedürfnisse, sondern antizipiert kommende Compliance-Anforderungen. Diese reaktive Positionierung unterscheidet sich fundamental von der Entwicklungslogik erfolgreicher digitaler Infrastrukturen, die typischerweise aus der Lösung konkreter Friktionen entstehen.

Die angekündigten Anwendungsfälle – Zensus, Zugangskontrolle, Altersverifikation – bleiben in der Verlautbarung bezeichnenderweise generisch. Es fehlen Hinweise auf konkrete Implementierungspartnerschaften, vertragliche Integrationszusagen oder detaillierte Use Cases mit benannten Akteuren. Diese Vagheit ist charakteristisch für jene Phase europäischer Digitalinitiativen, in der technologische Machbarkeit demonstriert, die komplexere Frage der Adoption jedoch ausgeblendet wird.

Das Interoperabilitätsproblem

Die zentrale Herausforderung liegt nicht i…