Während Europa mit EBSI, EUDI und diversen nationalen Initiativen gleich mehrere digitale Identitätsökosysteme parallel aufbaut, entsteht ein klassisches Interoperabilitätsproblem. Das Forschungsprojekt interID zeigt, wie sich diese Fragmentierung technisch überwinden lässt – und wirft damit ein Schlaglicht auf die strukturellen Defizite europäischer Digitalisierungspolitik.
Die Self-Sovereign Identity gilt als Verheißung digitaler Selbstbestimmung: Bürger sollen die volle Kontrolle über ihre digitalen Identitäten und Nachweise erhalten, unabhängig von zentralen Plattformen oder staatlichen Registern. Was in der Theorie elegant klingt, zerfällt in der europäischen Praxis allerdings in ein Mosaik konkurrierender Ökosysteme. Hyperledger Indy/Aries, die European Blockchain Services Infrastructure (EBSI) und die EU Digital Identity (EUDI) – sie alle verfolgen ähnliche Ziele, sprechen aber unterschiedliche technische Sprachen.
Für Dienstanbieter, die verifizierbare Nachweise ihrer Nutzer prüfen möchten, bedeutet diese Vielfalt vor allem eines: Komplexität. Wer heute SSI-basierte Verifikation anbieten will, muss sich entweder für ein Ökosystem entscheiden und alle anderen ausschließen – oder mehrere Verifizierungssysteme parallel implementieren und pflegen. Beides ist unbefriedigend.
Das Integrationsproblem als Symptom
Die Situation erinnert an ein wiederkehrendes Muster europäischer Digitalisierungsvorhaben: Statt auf einen gemeinsamen Standard zu setzen, entstehen parallele Infrastrukturen mit jeweils eigener Governance, eigenen Protokollen und eigenen Vertrauensrahmen. Die technische Fragmentierung spiegelt dabei oft politische Fragmentierung wider – unterschiedliche Mitgliedstaaten, unterschiedliche Konsortien, unterschiedliche Interessen.
interID, ein Forschungsprojekt, das nun als praktische Implementierung vorliegt[1]interID – An Ecosystem-agnostic Verifier Application for Self-sovereign Identity, adressiert dieses Problem mit einem pragmatischen Ansatz: einer Orchestrierungsschicht, die zwischen Dienstanbietern und den verschiedenen SSI-Ökosystemen vermittelt. Die Idee ist nicht neu – Middleware-Lösungen und Abstraktionsschichten gehören zum Standardrepertoire der Softwarearchitektur. Bemerkenswert ist jedoch, dass ein solcher Orchestrator für die europäische SSI-Landschaft überhaupt notwendig wird.
Architektur der Vermittlung
Die technische Umsetzung von interID folgt einem dreischichtigen Modell. Eine Dienstschicht integriert die frameworkspezifischen Verifizierer – konkret ACA-Py für Hyperledger Indy/Aries, Walt.id für EBSI und die EUDI-Referenzimplementierung. Darüber liegt eine Controllerschicht, die den eigentlichen Verifikationsprozess orchestriert und für eine einheitliche Antwortbehandlung sorgt. Die Präsentationsschicht schließlich ermöglicht Konfiguration und Benutzerinteraktion.
Besonders interessant ist das Konzept der „Proof Templates”: Dienstanbieter definieren ihre Verifikationsanforderungen einmal und können diese dann ökosystemübergreifend anwenden. Die technische Komplexität der unterschiedlichen Protokolle wird damit von den Anwendern ferngehalten – sie arbeiten mit einer einheitlichen API, unabhängig davon, welches SSI-System der jeweilige Nutzer verwendet.
Die Evaluierung zeigt, dass dieser Ansatz praktikabel ist. interID verifiziert Nachweise…
References
