Die Gründung der Trustnet Initiative e.V. markiert einen bemerkenswerten Moment in der deutschen Digital-Identity-Landschaft: Akteure aus dem Schaufensterprogramm “Sichere digitale Identitäten” schaffen aus eigener Initiative eine dauerhafte Struktur – genau zum richtigen Zeitpunkt. 2026 wird zum Umsetzungsjahr für die europäische EUDI-Wallet. Deutschland braucht Ökosysteme, die Technologie und Anwendung verbinden. Die Trustnet Initiative könnte ein wichtiger Baustein werden.
Eigeninitiative statt Förderende
Am 17. November 2025 wurde in Dresden die Trustnet Initiative e.V. gegründet. Was auf den ersten Blick wie ein routinemäßiger Vereinsgründungsakt wirkt, verdient genauere Betrachtung: Elf Gründungsmitglieder aus dem Umfeld des ID-Ideal-Projekts haben sich entschieden, die Arbeit aus dem Schaufensterprogramm nicht einfach auslaufen zu lassen, sondern in Eigenregie weiterzuführen. Das ist keineswegs selbstverständlich – und ein gutes Zeichen.
Denn allzu oft versanden die Erkenntnisse aus Förderprogrammen, sobald die Mittel versiegen. Das aufgebaute Wissen zerstreut sich, die Netzwerke lösen sich auf, und beim nächsten Programm beginnt man wieder bei null. Die Trustnet Initiative stemmt sich gegen dieses Muster. Die Beteiligten investieren eigene Zeit und Ressourcen, um Kontinuität zu schaffen. Das zeugt von Überzeugung – und von der Erkenntnis, dass jetzt der richtige Moment ist.
2026: Das Jahr der Umsetzung
Der Gründungszeitpunkt könnte kaum besser gewählt sein. 2026 wird das Jahr, in dem die EUDI-Wallet von der Konzeption in die Realität übergeht. Die eIDAS 2.0-Verordnung steht, die Large Scale Pilots liefern wertvolle Erfahrungen, und in ganz Europa beginnt der Aufbau von Wallet-Ökosystemen. Deutschland steht vor der Aufgabe, nicht nur technische Infrastruktur bereitzustellen, sondern lebendige Anwendungslandschaften zu entwickeln.
Genau hier kann die Trustnet Initiative einen Beitrag leisten. Der regionale Schwerpunkt auf Dresden und Sachsen bietet eine überschaubare Experimentierumgebung, die akademische Verankerung durch Jürgen Anke als Vorsitzenden gewährleistet wissenschaftliche Fundierung, und die Mischung aus Hochschule, Wirtschaft und öffentlichem Sektor unter den Gründungsmitgliedern verspricht Praxisnähe. Das sind gute Voraussetzungen.
Breiter Horizont, klarer Kern
Die thematische Positionierung der Initiative ist ambitioniert – und zeitgemäß. Digitale Identitäten und verifizierbare Nachweise bilden den Kern, doch der Blick reicht weiter: Datenräume, digitale Produktpässe und vertrauenswürdige KI-Systeme gehören ebenfalls zum Programm. Diese Erweiterung ist schlüssig, denn die technologischen Grundlagen überlappen sich erheblich.
Besonders vielversprechend ist die Verknüpfung mit dem Thema KI-Vertrauen. In einer Zeit, in der generative KI die Unterscheidung zwischen authentischen und synthetischen Inhalten erschwert, gewinnen Mechanismen zur Herkunftsverifizierung an Bedeutung. Verifizierbare Nachweise könnten eine Infrastruktur bieten, um Authentizität auch im KI-Zeitalter nachweisbar zu machen. Wenn die Trustnet Initiative hier Brücken zwischen der Identity-Community und der KI-Welt baut, wäre das ein genuiner Mehrwert.
Vernetzung mit Substanz
Vernetzung allein schafft noch keinen Fortschritt – das wissen die Gründer selbst am besten. Deshalb formulieren sie von Anfang an operative Ziele: “Konkrete, praxistaugliche Lösungen” sollen entstehen, Pilotierungen begleitet, Ökosysteme aufgebaut werden. Der Anspruch ist klar: nicht nur reden, sondern machen.
Die Vereinsstruktur bietet dafür einen passenden Rahmen. Sie ist schlank genug, um agil zu bleiben, und formal genug, um verlässliche Kooperationen einzugehen. Mit Boris Lingl als stellvertretendem Vorsitzenden und Jonas Hammer als Schatzmeister ist der Vorstand handlungsfähig besetzt. Die kommenden Monate werden zeigen, welche Formate und Strukturen entstehen – die Ankündigung, dies gemeinsam mit den Mitgliedern zu entwickeln, deutet auf einen partizipativen Ansatz hin.
Sachsen als Experimentierraum
Der regionale Fokus auf Dresden und Sachsen ist kein Rückzug ins Lokale, sondern ein kluger Ansatz. Große Transformationen beginnen oft im Kleinen – dort, wo Akteure sich kennen, Wege kurz sind und Experimente möglich bleiben. Sachsen hat mit dem ID-Ideal-Projekt bereits Erfahrungen gesammelt, die jetzt in die breitere EUDI-Wallet-Einführung einfließen können.
Gleichzeitig denkt die Initiative bewusst über die Region hinaus. Die Themen – von digitalen Produktpässen bis zu Datenräumen – sind per Definition überregional und europäisch. Die Verbindung von lokaler Verankerung und europäischer Perspektive könnte sich als produktive Spannung erweisen.
Ein Baustein im größeren Bild
Die Trustnet Initiative wird die strukturellen Herausforderungen der deutschen Digitalpolitik nicht allein lösen können – das wäre auch zu viel verlangt. Was sie leisten kann: Wissen bündeln, Anforderungen aus der Praxis artikulieren, Pilotprojekte begleiten und als Scharnier zwischen Technologieentwicklung und Anwendung fungieren. In einer Landschaft, die oft von Fragmentierung geprägt ist, kann ein solcher Akteur wertvoll sein.
Die Gründer haben verstanden, dass 2026 ein entscheidendes Jahr wird. Sie haben nicht gewartet, bis jemand anderes die Initiative ergreift, sondern selbst gehandelt. Das verdient Anerkennung – und aufmerksame Begleitung.
Fazit: Ein vielversprechender Anfang
Die Gründung der Trustnet Initiative e.V. ist mehr als eine Vereinsformalität. Sie ist Ausdruck des Willens, aufgebautes Wissen zu bewahren, Netzwerke zu verstetigen und den Übergang von der Förderphase in die Umsetzung aktiv zu gestalten. Der thematische Zuschnitt ist zeitgemäß, der Zeitpunkt richtig, die personelle Basis solide.
Ob die Initiative ihr Potenzial entfalten kann, wird von vielen Faktoren abhängen – nicht zuletzt davon, wie viele weitere Akteure sich anschließen und einbringen. Die Einladung steht: Die LinkedIn-Seite der Trustnet Initiative informiert über Aktivitäten und Mitwirkungsmöglichkeiten. Es lohnt sich, hinzuschauen.
