Ein Unternehmen skaliert ein Geschäftsmodell, dessen regulatorische Sollbruchstelle bereits eingebaut ist. IDnow hat seine Contact-Center-Infrastruktur auf die AI-gestützte Plattform von Bright Pattern migriert – und kommuniziert das als strategischen Befreiungsschlag: mehr Effizienz, weniger Kosten, globale Reichweite. Was die Meldung nicht sagt: Video-Ident war nie als Dauerlösung konzipiert. Und die Regulierung, die es ersetzen soll, nimmt Form an.

Die betriebswirtschaftlichen Begründungen verdienen dennoch eine genaue Betrachtung – denn sie verraten mehr als die Pressemitteilung beabsichtigt.


Was die Kennzahlen nicht sagen

Die 25-Prozent-Reduktion der Wartungskosten stammt aus der Pressemitteilung von Bright Pattern. Eine unabhängige Operationalisierung fehlt. Was als Basis dient – welche Kostenpositionen einbezogen wurden, über welchen Zeitraum, mit welchen Annahmen zur Auslastung – bleibt offen. Private-Cloud-Konsolidierungen über mehrere Länder und Sprachen hinweg sind operativ komplex; Einsparungen in einem Bereich erzeugen häufig Mehraufwand in anderen, etwa bei Governance, Compliance oder Incident-Management.

Dass AI-gestütztes Contact-Center-Routing heute als strategischer Differenzierungsvorteil kommuniziert wird, ist ebenfalls zu hinterfragen. Routing-Intelligenz und Session-Orchestrierung sind in der Branche weitgehend standardisiert. Was IDnow hier einführt, ist kein Wettbewerbsvorteil, sondern ein Hygienefaktor – die Anpassung an einen operativen Standard, den Wettbewerber wie Jumio, Trulioo oder Veriff längst erfüllen.

Skalierung als Selbstzweck?

IDnow verarbeitet über eine Million video-basierter Verifikationen pro Monat und verifiziert jährlich über 115 Millionen Identitäten. Das ist beachtlich. Aber Skalierung ist kein strategisches Ziel per se – sie ist es nur dann, wenn das zugrunde liegende Geschäftsmodell strukturell stabil ist.

Video-Ident entstand als Übergangslösung für eine fehlende digitale Identitätsinfrastruktur. Dass IDnow heute in die Skalierung dieser Infrastruktur investiert, ist betriebswirtschaftlich rational – solange der Bedarf besteht. Die eigentlich relevante Frage lautet: Wie lange noch?

eIDAS 2.0: Bedrohung oder Einschreibung?

Im August 2025 gab IDnow bekannt, als eines der ersten Unternehmen in Europa die Zertifizierung nach ETSI 119 461 v2.1.1 erhalten zu haben – dem technischen Standard, den die Europäische Kommission als Compliance-Benchmark für Fernidentifizierung im Rahmen von eIDAS 2.0 und der kommenden Geldwäschebekämpfungsverordnung (AMLR) festgelegt hat. Bis 2027 müssen alle in Europa tätigen Banken mit Anbietern zusammenarbeiten, die nach diesem Standard zertifiziert sind.

Parallel dazu ernannte IDnow Liudmyla Rabchynska zur Director of Global Regulatory and Government Affairs, mit explizitem Fokus auf eIDAS 2.0 und digitale Wallets.

In der offiziellen Kommunikation wird das als Vorbereitung auf regulatorische Chancen gerahmt – und strukturell ist es das tatsächlich. IDnow positioniert sich nicht defensiv gegen den EUDI Wallet, sondern als zertifizierter Orchestrierungsanbieter innerhalb des neuen Ökosystems: Die EUDI-Wallet-Verifikation ist bereits als eigenes Produkt gelistet, neben Video-Ident, AutoIdent und eID.

Das ist strategisch klug. Aber es verdient eine zweite Lektüre.

Der EUDI Wallet war konzeptionell darauf angelegt, wiederholte Identitätsverifikationen durch einmalig attestierte, staatlich gesicherte Nachweise zu ersetzen – und damit den Bedarf an kommerziellen Intermediären strukturell zu reduzieren. Was IDnow mit der ETSI-Zertifizierung erreicht, ist etwas anderes: Die Zertifizierungsanforderung schafft einen regulatorischen Engpass, der zertifizierte Anbieter nicht überflüssig macht, sondern privilegiert. Die Brücke wird nicht abgebaut. Sie bekommt ein TÜV-Siegel – und IDnow ist unter den ersten, die es ausstellen dürfen.

Ob das die ursprüngliche Intention von eIDAS 2.0 war, ist eine andere Frage.

Ralf Keuper


Quellen:

IDnow adopts AI‑powered contact center platform to handle growing IDV volumes https://www.biometricupdate.com/202603/idnow-adopts-ai-powered-contact-center-platform-to-handle-growing-idv-volumes

IDnow setzt einen neuen Standard als einer der ersten Anbieter für Identitätsprüfung in Europa, der die neuen eIDAS 2.0-Regularien erfüllt https://www.idnow.io/de/pr-de/identitatsprufungsdiensten-eidas-vorschriften/

IDnow Selects Bright Pattern’s AI-Powered Contact Center for 1M+ Identifications a month Across Europe https://www.brightpattern.com/news/idnow-selects-bright-patterns-ai-powered-contact-center-for-1m-identifications-a-month-across-europe/