Italien schafft den Papier-Personalausweis ab. Bis August 2026 müssen alle Bürger auf die biometrische Carta d’Identità Elettronica wechseln – doch die Behörden stoßen bereits jetzt an ihre Kapazitätsgrenzen.


Italien vollzieht einen weitreichenden Schnitt in seiner Verwaltungsgeschichte: Ab dem 4. August 2026 verlieren sämtliche alten Papier-Personalausweise ihre Gültigkeit. An ihre Stelle tritt verbindlich die biometrische elektronische Identitätskarte CIE, die Carta d’Identità Elettronica. Die Maßnahme folgt einer EU-Vorgabe, die die verpflichtende Speicherung von Fingerabdrücken auf Ausweisdokumenten vorschreibt[1]Italians required to switch from paper IDs to eIDs by August 2026.

Die CIE selbst ist kein Novum. Bereits seit 2015 wird sie ausgegeben, und die Verbreitungszahlen erscheinen auf den ersten Blick beruhigend: Rund 48,4 Millionen der etwa 59 Millionen Italienerinnen und Italiener besitzen bereits eine gültige elektronische Karte. Der verbleibende Umstellungsbedarf konzentriert sich damit auf gut zehn Millionen Menschen – eine Zahl, die angesichts der verbleibenden Zeit dennoch erhebliche Herausforderungen birgt.

Besonders deutlich zeigt sich das Kapazitätsproblem in den Großstädten. In Rom etwa müssen bis zur Frist schätzungsweise 350.000 Papierausweise ersetzt werden. Rechnet man den Ersatz verlorener oder gestohlener Karten hinzu, könnten bis zu 440.000 CIE-Ausstellungen erforderlich sein. Die Stadtverwaltung vermag derzeit jedoch nur etwa 28.000 Karten monatlich auszugeben. Die Rechnung geht nicht auf: Selbst bei gleichbleibendem Tempo würde Rom mehr als anderthalb Jahre benötigen, um den akuten Bedarf zu bewältigen. Rom und Mailand haben deshalb bereits spezielle Taskforces eingerichtet, um dem erwarteten Ansturm zu begegnen.

Die Umstellung auf die CIE steht zudem in einem komplexen Verhältnis zum bestehenden digitalen Identitätssystem SPID, dem Sistema Pubblico di Identità Digitale. Über SPID authentifizieren sich Millionen Italiener bei öffentlichen und privaten Online-Diensten. Die Regierung unter Giorgia Meloni verfolgt nun das Ziel, SPID schrittweise abzuschalten und die CIE als zentrale digitale Identität zu etablieren. Dieser Plan stößt jedoch auf praktische Hürden: Zahlreiche Behörden, Krankenhäuser, Verkehrs- und Bildungseinrichtungen unterstützen die CIE für die Online-Anmeldung bisher nicht vollständig. Ein abrupter Wechsel würde viele Bürger von digitalen Verwaltungsleistungen abschneiden.

Die Kritik an der Umstellung entzündet sich an mehreren Punkten. Beanstandet werden die längeren Ausgabezeiten, die anfallenden Kosten sowie grundsätzliche Bedenken gegenüber dem in der Karte integrierten Chip-System mit biometrischen Daten. Die Regierung hat darauf mit Reformankündigungen reagiert: Perspektivisch soll die Ausstellung kostenlos erfolgen, innerhalb von 24 Stunden abgeschlossen sein und auch aus der Ferne ermöglicht werden. Ob diese Zusagen bis zum Stichtag eingelöst werden können, bleibt indes offen.

Italien steht damit vor einem charakteristischen Dilemma staatlicher Digitalisierungsprojekte: Die technische Infrastruktur existiert, die politischen Ziele sind formuliert, doch die administrative Umsetzungskapazität hinkt dem Zeitplan hinterher. Der August 2026 wird zeigen, ob das Land die selbst gesetzte Frist einhalten kann – oder ob pragmatische Übergangsregelungen den harten Stichtag aufweichen werden.