Fünf Monate vor dem geplanten Going-Live am 2. Januar 2027 mehren sich die kritischen Stimmen zur deutschen EUDI-Wallet. Anke Domscheit-Berg zeichnet in einem aktuellen Kommentar ein Bild eines Projekts, das trotz angekündigter Transparenz und Beteiligung an zentralen Verbraucherschutz- und Sicherheitsfragen vorbeigeht. Fachleute der digitalen Zivilgesellschaft bezeichneten das Beteiligungsverfahren bei einem Fachgespräch im Bundestag am 9. Juli 2026 als Scheinpartizipation – Forderungen nach Verbraucherschutz und sicherer Architektur seien zugunsten wirtschaftlicher Interessen an leichterem Datenzugriff zurückgestellt worden. IT-Sicherheitsforschende halten die gewählte Cloud-basierte Sicherheitsanker-Architektur für riskant, zumal der als Open Source angekündigte Code bislang nicht einsehbar ist.

Zu den konkreten Kritikpunkten zählen ein signiertes biometrisches Passfoto im Minimum-Datenset ohne EU-rechtliche Vorgabe, eine nationale Experimentierklausel mit Risiken auch für Minderjährige sowie eine Ausgestaltung, die Profilbildung und Tracking kaum begrenzt – Nutzende können Datenanfragen von Diensten praktisch nur pauschal annehmen oder ablehnen, ähnlich der Cookie-Banner-Problematik. Zum Start fehlen zudem zentrale Schutzfunktionen: Pseudonyme sind nicht vorgesehen, der Zero-Knowledge-Proof kommt erst später, und selbst die EU-rechtlich vorgeschriebene qualifizierte digitale Signatur ist beim Launch nicht verfügbar.

Eine aktuelle Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Grünen bestätigt, dass selbst der Starttermin der Rumpf-Version gefährdet ist, da weder BSI-Sicherheitseinschätzung noch unabhängige Community-Prüfung vorliegen – Letztere kann mangels Codezugang bislang gar nicht erfolgen. Der Artikel plädiert angesichts des Präzedenzfalls der 2021 gescheiterten Blockchain-ID-Wallet unter Minister Scheuer für eine Verschiebung statt eines übereilten, vertrauensschädigenden Starts und fordert mehr Transparenz sowie eine engere Einbindung von Ländern und Kommunen.

Ralf Keuper


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