Bis Ende 2026 muss jeder Mitgliedstaat seinen Bürgern eine EUDI-Wallet anbieten, und als Beleg für die technische Reife wird derzeit vor allem der DC4EU-Abschlussbericht zitiert. Bei genauerem Hinsehen ist er ein Policy-Papier mit politischem Zweck: Seine spektakulärsten Zahlen, 13 Sekunden statt 30 Minuten und 45 Sekunden statt Wochen, stehen ohne Methodik da und finden sich in den zugrunde liegenden Projektunterlagen nicht wieder. Belastbarer sind die institutionellen Befunde. Die Sozialversicherungsträger verzichteten im Pilot auf EBSI, und von den beteiligten Stellen prüften nur sieben aus drei Ländern tatsächlich Nachweise. Vorläufig deutet vieles darauf hin, dass die Wallet weniger an der Kryptographie scheitern oder gelingen wird als an Finanzierung, Governance und der Frage, wer Nachweise überhaupt annimmt.


Der Bericht, um den es geht, heißt „Beyond DC4EU”. Die 3CL Foundation hat ihn im Januar 2026 im Auftrag des Strategic Committee des Projekts vorgelegt, und er fasst zwei Jahre Pilotarbeit in Bildung und Sozialversicherung zusammen. Er wird gern gelesen, als sei damit die Technik bewiesen und nur noch die Politik im Verzug. Diese Lesart trägt weniger, als es zunächst scheint, und zugleich enthält der Bericht Befunde, die interessanter sind als seine eigene Zusammenfassung.

Ein Papier mit Auftrag

Zunächst zur Art des Textes. „Beyond DC4EU” ist keine unabhängige Evaluation, sondern ein Policy-Papier, das ausdrücklich für Entscheidungen im ersten Quartal 2026 geschrieben wurde. Der Bericht räumt selbst ein, dass der Zeitdruck eine vollständige Validierung eingeschränkt hat. Das ist legitim, verändert aber den Status der Zahlen: Sie dienen einer Argumentation und sind nicht das Ergebnis eines offengelegten Messverfahrens.

Das zeigt sich an den Kennzahlen, die am häufigsten weitergereicht werden. Die Prüfung von Krankenversicherungsansprüchen soll von etwa 30 Minuten auf 13 Sekunden gesunken sein, die Prüfung eines Bildungsabschlusses von mehreren Wochen auf 45 Sekunden. Der Bericht nennt weder Stichprobe noch Messbedingungen noch einen definierten Vergleichsprozess. Die 45 Sekunden finden sich nur auf der Webseite der Autoren, nicht im PDF, und in den Ergebnisbibliotheken zu Bildung und Sozialversicherung, aus denen der Bericht schöpft, sind in den ausgewerteten Auszügen keine Zeitmessungen zu Verifikationsvorgängen ausgewiesen. Auch der Maßstab „Wochen” verdient Skepsis, denn ein Großteil dieser Zeit ist Wartezeit zwischen Institutionen, kein Prüfaufwand. Sie entfällt nur, wenn der prüfende Dienst dem Aussteller und dessen Vertrauensanker ohnehin traut, und genau das ist die offene Frage.

Eine Zahl, die in den Zusammenfassungen selten auftaucht, ist die Erfolgsquote von 70 Prozent beim ersten Versuch in zwölf Mitgliedstaaten, „ohne vorherige Koordination”. Der Bericht führt sie als Beleg für ein solides technisches Fundament an. Umgekehrt gelesen scheiterte fast jeder dritte grenzüberschreitende Erstversuch, und zu Credential-Typen und Fehlerursachen fehlen die Angaben. Selbst die Reichweite schwankt je nach Quelle: 101 Institutionen in 25 Ländern hier, 80 Organisationen in 22 Mitgliedstaaten dort. Vermutlich ist das eine Frage der Zählweise, es zeigt aber, dass schon die Basisgrößen nicht einheitlich dokumentiert sind.

Was die Projektunterlagen zeigen

Die Deliverables sind nüchterner und zeichnen ein anderes Bild. Im Bildungspilot wurde mit 36 Einrichtungen in zwölf Mitgliedstaaten getestet, verteilt auf drei Varianten: klassische PKI, dezentrale PKI und ein paralleler Ansatz. Zusammen ergeben sich einige Tausend ausgestellte Nachweise und einige Hundert Nutzer je Variante. Die Zufriedenheit der Befragten lag zwischen 5,9 und 7,1 von zehn Punkten, 75 Prozent der Einrichtungen sagten eine Fortführung nach Projektende zu. Die größten Lücken zwischen Wichtigkeit und Zufriedenheit betrafen Sprachunterstützung, Hinweise auf ablaufende Nachweise und die Klarheit der Einwilligung gegenüber Prüfern. Das sind Usability-Mängel, keine kryptographischen Probleme.

Im Sozialversicherungspilot verzeichnet das Projekt 990 Wallet-Nutzer bei einem Ziel von 250 und 6.097 Transaktionen bei einem Ziel von 1.500. Sechzehn Institutionen aus dreizehn Ländern banden die Wallet an und stellten Nachweise aus. Verifiziert haben aber nur sieben Institutionen aus drei L…