Ende September 2026 melden sich innerhalb weniger Tage vier europäische Länder zur EUDI-Wallet-Frage zu Wort – und liefern damit ungewollt ein Argument gegen die Vorstellung, auf die sich die öffentliche Debatte stützt: dass es einen gemeinsamen Stichtag gibt, dem sich alle 27 Mitgliedstaaten mehr oder weniger schnell annähern. Deutschland stellt seine nationale Wallet unter dem Namen d-you vor, mit Starttermin 2. Januar 2027. Zypern eröffnet eine Ausschreibung für die Grundlagen seiner Wallet-Integration, mit Angebotsfrist Mitte Oktober. Polen lässt einen privaten Anbieter in seiner Sandbox testen. Moldau, kein EU-Mitglied, sondern Beitrittskandidat, meldet, dass bereits vier Banken Zugangsdaten aus seiner Wallet EVO akzeptieren.
Die naheliegende Lesart ist die eines Rankings: Deutschland vorn, Zypern hinten, dazwischen der Rest. Diese Lesart trägt jedoch nicht weit. Sie unterstellt, dass es einen Zielzustand gibt, den die Vorreiter fast erreicht haben und die Nachzügler noch erreichen müssen. Die verfügbaren Fakten deuten auf etwas anderes hin: Die Ungleichzeitigkeit liegt nicht zwischen den Mitgliedstaaten, sie liegt im Verhältnis zwischen politischem Termin und technischer Grundlage selbst – und sie betrifft den vermeintlichen Spitzenreiter genauso wie den vermeintlichen Nachzügler.
Strukturelle statt eine individuelle Verzögerung
Die EU-Vorgabe lautet, dass jeder Mitgliedstaat bis Ende 2026 mindestens eine EUDI-Wallet bereitstellt. Deutschlands d-you startet am 2. Januar 2027 – nach Silvester, nach dem eigentlichen Stichtag. Das ist im Kontext der Debatte eine Randnotiz, keine Krise: Ein Land, das rund 40 Partner aus Wirtschaft, Wissenschaft und öffentlicher Verwaltung eingebunden hat (darunter Eon und Vodafone sowie Landes- und Kommunalverwaltungen), das auf Verschlüsselung und dezentrale, gerätebasierte statt Cloud-Speicherung setzt und seinen Quellcode offenlegt, gilt zu Recht als vergleichsweise weit fortgeschritten. Bundesdigitalminister Karsten Wildberger präsentierte d-you als startbereite Lösung mit konkretem Funktionsumfang: Altersnachweis, rechtsverbindliche Vertragsabschlüsse, Online-Kontoeröffnung.
Die Evidenz für eine strukturelle statt eine individuelle Verzögerung liefert eine zeitgleiche Einschätzung zum technischen Unterbau. Thomas Lohninger, geschäftsführender Direktor der österreichischen Digitalrechte-Organisation epicenter.works und Vorstandsmitglied des europäischen Dachverbands EDRi, beziffert den Stand der für die Wallet benötigten technischen Standards gegenüber Euronews auf 50 bis 60 Prozent: „The other 40% are not there yet. They do not exist.” Entscheidend ist seine Einordnung, wen das betrifft – nicht nur unterfinanzierte Verwaltungen, sondern ausdrücklich auch gut ausgestattete Staaten: Selbst Frankreich und Deutschland würden ihre Systeme bis zum Termin nicht vollständig fertigstellen. Das heißt: Die Wallet steht bei ihrem Start auf einer nachweislich unfertigen Normenbasis – unabhängig vom exakten Starttermin. Lohninger empfiehlt früh startenden Ländern entsprechend Zurückhaltung und unabhängige Audits vor dem produktiven Einsatz – eine Position, die sich mit Sicherheitsbedenken deckt, die in Deutschland bereits vor der d-you-Vorstellung kursierten, etwa zu Scheinpartizipation bei der Anforderungsdefinition oder zu fehlenden Schutzfunktionen zum Start.
Der Befund lässt sich damit präzisieren: Es ist nicht so, dass ein politischer Termin existiert, dem die technische Umsetzung mit unterschiedlicher Geschwindigkeit hinterherläuft. Der Termin selbst steht neben einer Standardlandschaft, die zum Stichtag nachweislich unfertig ist – bei den Ländern, die überhaupt startklar sind, eingeschlossen.
Die Reihenfolge, die die Mitgliedschaft nicht vorgibt
Ein zweiter Befund widerspricht der Annahme, EU-Mitgliedschaft allein bestimme die Position auf der Zeitachse. Zypern, EU-Mitglied seit 2004, eröffnete Mitte September eine Ausschreibung über 9,8 Millionen Euro für die Weiterentwicklung seiner Bürger-App „Digital Citizen 2.0″ – mit Angebotsfrist am 13. Oktober 2026. Die Ausschreibung selbst listet auf, was fehlt: Umsetzung der eIDAS-2.0-Funktionalitäten, Integration der künftigen EUDI-Wallet, qualifizierte elektronische Signaturen für grenzüberschreitende Transaktionen. Zypern befindet sich damit, gemessen am Verfahrensstand, noch in der Konzeptionsphase.
Moldau dagegen, offiziell EU-Beitrittskandidat und damit ohne die Verpflichtung, überhaupt eine EUDI-Wallet bereitzustellen, meldete am 18. September, dass vier Banken – Moldindconbank, FinComBank, EuroCreditBank und Victoriabank – Zugangsdaten aus der nationalen Wallet EVO akzeptieren.…
