Dresden pilotiert die EUDI-Wallet, SaxTrust baut technische Bausteine, Lissi GmbH hat einen Blueprint für die staatliche Wallet geliefert. Alles klingt nach Aufbruch. Dabei wiederholt sich ein Muster, das schon das Schaufensterprogramm „Sichere Digitale Identitäten” prägte: Wissenstransfer gelingt – aber er landet entweder in privatwirtschaftlichen Produkten oder im nächsten Förderprojekt, nicht in dauerhaft betriebener öffentlicher Infrastruktur. Eine Strukturanalyse.
Wenn man verstehen will, warum die digitale Identitätsinfrastruktur in Deutschland trotz erheblicher Fördermittel, trotz engagierter Konsortien und trotz wiederholter politischer Prioritätensetzung bis heute keine kritische Nutzungsmasse erreicht hat, lohnt ein Blick zurück auf das Förderprogramm, das eigentlich den Durchbruch bringen sollte.
Das Schaufenster: Vier Projekte, eine Struktur
Das vom Bundeswirtschaftsministerium aufgelegte Programm „Schaufenster Sichere Digitale Identitäten” förderte zwischen 2021 und 2024 vier Konsortien: IDunion, ONCE, ID-Ideal und SDIKA. Zusammen umfassten sie mehr als 160 Partner aus Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft und erprobten über 100 Anwendungsfälle. Der formulierte Anspruch war hoch: Nutzungsfreundliche, vertrauenswürdige und wirtschaftlich tragfähige ID-Ökosysteme sollten entstehen – und zwar so, dass sie nach Förderende weiterbestehen.
Bereits 2022, zwei Jahre vor Programmende, war die Verstetigung explizit als strategisches Ziel benannt: Die Langlebigkeit der entwickelten Use Cases und Lösungen über den Förderzeitraum hinaus müsse durch tragfähige Geschäftsmodelle und Skalierbarkeit gesichert werden. Dass dies als Ziel formuliert werden musste, war die implizite Einräumung, dass es strukturell nicht selbstverständlich war.
Ende 2024 lief das Programm aus. Die Begleitforschungswebsite – betrieben von ESMT, EY und Nimbus Technologieberatung – wurde auf statischen Zustand versetzt: „Nach vier intensiven und erfolgreichen Jahren endet die Arbeit der Begleitforschung.” Eine Archivmitteilung ist kein Wirkungsnachweis.
Die Ausnahme, die die Regel bestätigt
IDunion ist der einzige Fall, der einen echten Verstetungsversuch unternommen hat. Das Konsortium gründete 2022 eine Europäische Genossenschaft (SCE), die seit April 2024 als eigenständige Entität das technische Netzwerk betreibt. Zudem haben IDunion-Partner wesentlich zu den technischen Standards beigetragen, die heute in das Architecture Reference Framework der EUDI-Wallet eingeflossen sind – darunter die OpenID4VCI- und OpenID4VP-Protokollfamilien.
Das ist substanzielle Wirkung, und sie verdient Anerkennung. Aber sie ist anderer Art als institutionalisierte Verwaltungsinfrastruktur: Die IDunion SCE ist eine privatrechtliche Genossenschaft, kein öffentlicher Träger. Sie betreibt ein technisches Netzwerk für Mitgliedsfirmen, keine re…
