Die EUDI Wallet folgt einer konzeptionell klaren Idee: Identität wird einmal staatlich attestiert, kryptografisch gesichert und in einer standardisierten Wallet hinterlegt. Der Nutzer weist sich fortan selbst aus – ohne Intermediär, ohne wiederholte Verifikation, ohne kommerzielle Abhängigkeit. Staatliche Infrastruktur ersetzt den Markt für kommerzielle Identitätsverifikation.
Dieser Ansatz hat nicht nur eine technische und politische Dimension – er hat eine ökonomische. eIDAS 2.0 verspricht Unternehmen, die heute KYC-Kosten pro Verifikationsvorgang tragen, eine strukturelle Entlastung: einmalige Identifizierung, mehrfache Verwendung, sinkende Kosten pro Transaktion. Das war das wirtschaftspolitische Versprechen, das EUDI politisch trug. Was die Implementierung daraus macht, ist eine andere Geschichte – und sie beginnt mit einem technischen Standard.
Eine originär staatliche Funktion
Identitätsfeststellung ist keine kommerzielle Dienstleistung wie andere. Sie ist originär staatlich – die Feststellung, wer jemand ist, war historisch eine hoheitliche Aufgabe. Was IDnow, Jumio, Veriff und andere tun, ist die Übernahme einer Funktion, die der Staat nicht selbst digital erbracht hat. Sie sind keine Marktakteure, die auf öffentlicher Infrastruktur echten Mehrwert für den Endkunden schaffen – sie sind Beliehene, die eine Pflichtaufgabe im staatlichen Auftrag erfüllen.
Das unterscheidet sie strukturell von Internet Providern oder Spediteuren, die kommerzielle Dienste auf öffentlicher Infrastruktur anbieten. Dort hat der Nutzer eine Wahl, sucht einen Mehrwert, tritt freiwillig in ein Vertragsverhältnis. Bei der Identitätsfeststellung hat er keine Wahl – er hat allenfalls eine Wahl zwischen zugelassenen privaten Anbietern.
EUDI ist vor diesem Hintergrund der Versuch, die Infrastruktur für diese hoheitliche Funktion wieder staatlich zu verankern – nicht durch Verstaatlichung der Anbieter, sondern durch staatliche Attestierung, die den Bedarf an wiederholter privater Verifikation strukturell überflüssig macht bzw. weitgehend überflüssig machen sollte und wollte.
Was für die Intermediäre spricht
Es wäre jetzt zu einfach, würde man es dabei belassen. Es gibt substanzielle betriebswirtschaftliche Argumente für die Rolle privater Anbieter – auch in einem EUDI-Ökosystem.
- Operative Realität: EUDI funktioniert nur, wenn der Nutzer eine funktionierende Wallet hat, das Gerät kompatibel ist und die Gegenstelle die Wallet-Verifikation akzeptiert. In der Übergangsphase braucht es Anbieter, die Fallback-Szenarien abdecken. Übergangsphasen in Europa dauern – das ist keine Polemik, sondern Erfahrungswert.
- Betrugsprävention als echter Mehrwert: Identitätsfeststellung und Betrugsprävention sind nicht dasselbe. EUDI attestiert, wer jemand ist – aber nicht, ob das Gerät kompromittiert ist, ob ein Deepfake vorliegt, ob ein Angriff läuft. Hier haben IDnow und Wettbewerber echte Expertise aufgebaut, die über reine Identitätsfeststellung hinausgeht.
- Regulatorische Komplexität: AMLD6, nationale KYC-Anforderungen, sektorspezifische Regulierung – das ist kein einheitliches Regime. Ein Anbieter, der diese Komplexität orchestriert und aktuell hält, hat einen realen Mehrwert für Unternehmen, die sich nicht selbst durch den Regulierungsdschungel navigieren wollen.
- Haftung: Wenn ein zertifizierter Anbieter die Identitätsprüfung übernimmt und dafür haftet, entlastet das den Auftraggeber rechtlich und operativ. Das hat einen wirtschaftlichen Wert – unabhängig davon, ob EUDI technisch funktioniert.
Diese Argumente sind real. Die Frage ist eine andere: Rechtfertigen sie das bestehende Kostenmodell – und könnten dieselben Leistungen in einem EUDI-nativen Modell günstiger und ohne strukturelle Abhängigkeit erbracht werden?
Das nicht eingelöste Effizienzversprechen
Hier liegt der eigentliche Widerspruch. Das ökonomische Kernversprechen von EUDI war Effizienz: einmalige Verifikation, mehrfache Verwendbarkeit, sinkende Kosten pro Transaktion. Unternehmen, die heute für jede KYC-Prüfung zahlen, sollten entlastet werden.
Was sich abzeichnet, ist das Gegenteil. Die Verifikationskosten bleiben, weil zertifizierte Intermediäre weiterhin pro Vorgang abrechnen. Die Compliance-Kosten steigen möglicherweise, weil ETSI-Zertifizierung Mehraufwand erzeugt, der weitergegeben wird. Die Wiederverwendbarkeit der Identität bleibt theoretisch – praktisch entscheidet der zertifizierte Anbieter, wie und ob sie umgesetzt wird. Der Effizienzgewinn für Unternehmen materialisiert sich nicht.
Das ist das Argument, das in der öffentlichen Debatte über eIDAS 2.0 am stärksten fehlt – weil es nicht ideologisch ist, sondern schlicht betriebswirtschaftlich: EUDI verspricht Kostensenkung, liefert aber eine neue Kostenschicht.
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