Ein neues Paper aus dem Umfeld der Human Colossus Foundation behauptet, dass das zentrale, kustodiale Modell des Identitätsmanagements nicht nur unpraktisch, sondern strukturell überholt ist – so wie die Newtonsche Physik durch die Relativitätstheorie nicht widerlegt, sondern in ihrem Geltungsbereich begrenzt wurde. Die Analogie ist elegant und didaktisch wirksam. Sie trägt aber nur die halbe Last des eigentlichen Arguments. Wer fragt, warum ausgerechnet der „autonome Principal” und nicht irgendeine andere Instanz der Ort der digitalen Identität sein soll, findet die Antwort nicht in der Physik, sondern in einer Theorie, die seit Jahrzehnten für genau diesen Fall bereitsteht: Niklas Luhmanns Systemtheorie.
Der Ausgangspunkt: Wenn das globale Jetzt verschwindet
Philippe Page, Robert Mitwicki und Michal Pietrus knüpfen in ihrem Folgepapier zu Distributed Governance (2023) an eine einfache Beobachtung an: Jedes heute gebräuchliche Identitätssystem – Verzeichnisdienste, föderierte Identitätsanbieter, staatliche eID-Schemata, selbst das Issuer-Holder-Verifier-Modell der Self-Sovereign Identity – unterstellt, dass es zu jedem Zeitpunkt eine Instanz gibt, bei der der kanonische Zustand eines Subjekts abgefragt werden kann. Diese Unterstellung funktioniert, solange Identität innerhalb eines einzigen Verwaltungsraums bleibt. Sie bricht zusammen, sobald Identität jurisdiktionsübergreifend, ökosystemübergreifend und zunehmend zwischen menschlichen und agentischen Akteuren operieren muss. Die Autoren nennen das die „Newtonsche Annahme” und ziehen die naheliegende Parallele zu Leslie Lamports klassischer Einsicht aus der Informatik von 1978: Ohne globale Uhr gibt es keine vollständige Ordnung der Ereignisse, sondern nur eine kausale Teilordnung. Zustand wird damit, in den Worten des Papers, von einem Nomen, das eine Autorität hält, zu einer Relation, die zwischen Principals durch kausal geordnete Austausche aufrechterhalten wird.
Das ist die negative These des Papers, und sie ist gut begründet. Cross-Jurisdiktion, Propagationsverzögerung, konstituierende Beziehungen wie Vormundschaft, und vor allem die agentische Delegationskette – all das sind Regimes, in denen kein einzelner Custodian mehr legitim behaupten kann, den kanonischen Zustand eines Subjekts zu kennen. Die fünf im Paper ausgebreiteten Anwendungsfälle, von der Vormundschaft über die Schweizer E-Collecting-Reform bis zur polnischen „Truth on the Web”-Initiative, machen diese Diagnose ungewöhnlich konkret.
Die Lücke: Warum ausgerechnet der Principal?
Die positive These ist eine andere Geschichte. Dass kein zentraler Beobachterpunkt mehr existiert, erklärt noch nicht, warum gerade der autonome Principal – und nicht etwa die einzelne Transaktion, die Relation selbst, oder ein verteiltes Konsensverfahren – zum Träger des Referenzrahmens werden soll. Die Relativitätstheorie selbst kennt diese Privilegierung nicht: Alle Inertialsysteme sind gleichberechtigt, keines hat Vorrang. Das Paper löst diese Lücke, indem es offen ein zweites, unabhängiges Argument einführt – die Wahlfähigkeit als Kriterium, übernommen aus der Principal-Agent-Theorie des Vorgängerpapiers. Wer wählen kann, hat Anspruch auf einen eigenen Rahmen; wer nicht wählen kann (ein Agent, ein Kind, ein Mensch ohne Gerät), braucht eine Vormundschaftsbeziehung. Das ist intellektuell redlich offengelegt, aber es bedeutet: Die „strukturelle Unausweichlichkeit”, die der Titel verspricht, gilt nur …
