Portugal führt als erstes EU-Land eine nationale Variante der European Business Wallet ein und positioniert sich damit als digitaler Vorreiter. Doch Estlands Widerstand offenbart eine fundamentale Spannung: Zwischen funktionierenden nationalen Systemen und EU-Standardisierung, zwischen gewachsener digitaler Souveränität und theoretischer Interoperabilität. Die Frage ist nicht, ob Portugals Wallet funktioniert – sondern ob Europa einen Weg findet, digitale Diversität und Harmonisierung zu vereinbaren.


Portugal hat im Februar 2025 die nationale Implementierung der European Business Wallet gestartet – als erstes EU-Land[1]Portugal digital business wallet aims to simplify administration for companies. Die in die gov.pt-App integrierte Lösung verspricht Bürokratieabbau durch Bündelung aller offiziellen Unternehmensdokumente in einem digitalen Kanal: elektronische Firmenkarte, Steuerstatus-Bescheinigungen, Sozialversicherungsnachweise, Einträge im Register der wirtschaftlich Berechtigten. Bis Sommer 2025 sollen alle Dokumente verfügbar sein, die für EU-weite öffentliche Ausschreibungen und Kontoeröffnungen erforderlich sind. Die Aktualisierung erfolgt automatisch, die Basisversion ist kostenlos.

Die politische Botschaft ist eindeutig: Premierminister António Luís Santos da Costa positioniert Portugal als Transformationsavantgarde in der EU – „Ambition, Vertrauen und Transformation” als Dreiklang staatlicher Modernisierung. Die Wallet ist Teil einer größeren Staatsreform mit Fokus auf Digitalisierung, Interoperabilität und Reaktionsgeschwindigkeit bei rechtlichen und administrativen Anforderungen.

Der estnische Einwand: Souveränität vs. Standardisierung

Estlands Digitalminister Margus Tsahkna reagierte scharf: Das Projekt sei teuer (Hunderte Millionen Euro) und dupliziere bestehende nationale Systeme. Estland verfügt seit Jahren über einen ausgereiften e-Government-Stack, der weit über Business-Dokumente hinausgeht. Die implizite Forderung, funktionierende nationale Infrastrukturen zurückzubauen, um EU-Standards zu erfüllen, wirft eine grundlegende Frage auf: Wann wird Harmonisierung zum Rückschritt?

Estlands Position ist systemtheoretisch bedeutsam. Niklas Luhmann würde hier von Pfadabhängigkeit sprechen: Ein gewachsenes, funktionierendes System entwickelt eigene Routinen, Schnittstellen und Anschlusslogiken. Ein nachträglicher Umbau ist nicht nur technisch aufwändig, sondern gefährdet die operative Stabilität. Estlands digitale Souveränität beruht gerade auf der Kontrolle über die eigene Infrastruktur – eine Standardisierung von oben bedeutet Kontrollverlust.

Portugal hingegen befindet sich in einer anderen Ausgangslage: Die Digitalisierung der Verwaltung ist weniger weit fortgeschritten, die Pfadabhängigkeiten sind schwächer ausgeprägt. Die EU-Wallet bietet hier eine Gelegenheit zum Leapfrogging – vorausgesetzt, die Implementierung gelingt und die versprochene Interoperabilität funktioniert tatsächlich.

Geschäftsmodell und Souveränität: Wer kontrolliert die Infrastruktur?

Die Formulierung „noch unklare erweiterte Funktionalitäten” im Gebührenmodell ist analytisch aufschlussreich. Sie deutet auf eine State-as-a-Platform-Strategie hin: Der Staat stellt die Basisinfrastruktur bereit, darauf aufbauende Services werden monetarisiert. Das entspricht dem Modell digitaler Plattformen – mit allen bekannten Risiken hinsichtlich Vendor-Lock-in, Abhängigkeiten und langfristiger Kontrollierbarkeit.

Entscheidend ist die Frage: Wer baut und betreibt die Infrastruktur? Wenn Portugal auf externe Technologieanbieter setzt, entstehen strukturelle Abhängigkeiten. Wenn der Staat die Infrastruktur selbst kontrolliert, sind die Skalierungskosten erheblich. Estlands Modell basiert auf langfristiger staatlicher Kontrolle über kritische digitale Infrastruktur – eine strategische Entscheidung, die sich über zwei Jahrzehnte ausgezahlt hat.

Die Automatisierung von Dokumentenaktualisierungen klingt komfortabel, ist aber technisch anspruchsvoll. Sie erfordert robuste Schnittstellen zu Dutzenden Behördensystemen, Echtzeit-Datenabgleich und fehlertolerante Prozesse. Das Versprechen „bis Sommer alle Dokumente” ist ambitioniert – Verzögerungen bei einzelnen Behördenanbindungen können die gesamte Funktionalität beeinträchtigen.

Interoperabilität als theoretisches Konstrukt

Die European Business Wallet basiert auf dem Konzept europäischer Interoperabilität: Einmal digital erfasste Unternehmensdaten sollen EU-weit verwendbar sein. Das setzt voraus, dass alle Mitgliedstaaten kompatible Systeme implementieren und semantische Harmonisierung gelingt – also nicht nur technische Standards, sondern auch inhaltliche Definitionen (Was genau ist eine „Firmenkarte”? Welche Nachweispflichten gelten wo?).

Hier zeigt sich das klassische Problem europäischer Digitalinitiativen: Theoretische Interoperabilität scheitert oft an der Komplexität nationaler Regulierungen und gewachsener Verwaltungslogiken. Deutschland hat mit der Umsetzung der eIDAS-Verordnung jahrelang gerungen, die DSGVO-Implementierung verlief heterogen, OZG-Leistungen sind fragmentiert. Die Annahme, eine EU-Wallet könne diese Heterogenität harmonisieren, unterschätzt die Beharrungskraft nationaler Systeme.

Portugal und Estland bieten beide e-Residency-Programme für digitale Nomaden an – ein Detail, das auf Konkurrenz um digitale Standortattraktivität hindeutet. Portugal könnte mit der frühen Wallet-Implementierung einen Vorsprung gewinnen; Estland kontert mit der Überlegenheit seines etablierten Systems. Die Frage ist, welches Modell langfristig tragfähiger ist: schnelle EU-Konformität oder gereifte digitale Souveränität.

Strukturelle Parallelen zu deutschen Konsortialansätzen?

Aus deutscher Perspektive drängt sich der Vergleich zu gescheiterten Konsortial-Projekten auf: Gaia-X, Catena-X – allesamt Initiativen, die mit großem europäischen Anspruch starteten und an Implementierungskomplexität scheiterten. Die European Business Wallet könnte ein ähnliches Muster aufweisen: theoretisch kohärent, politisch gewollt, praktisch überambitioniert.

Der Unterschied: Portugal implementiert staatlich, nicht konsortiell. Das reduziert Abstimmungskosten, erhöht aber die Abhängigkeit von einer einzelnen nationalen Umsetzung. Wenn Portugals Wallet scheitert, ist das ein nationales Problem. Wenn sie funktioniert, aber nicht interoperabel mit estnischen oder deutschen Systemen ist, bleibt die europäische Vision unerfüllt.

Peter Drucker hätte hier vermutlich auf die Diskrepanz zwischen politischer Vision und operativer Realität hingewiesen: Die Ankündigung ist klar, die Umsetzungslogik unklar. „Ambition, Vertrauen und Transformation” sind politische Narrative, keine Implementierungsstrategien.

Fazit: Digitaler Föderalismus unter Druck

Die Portuguese Business Wallet ist weniger eine technische Innovation als ein politisches Signal: Europa kann digitale Souveränität auch ohne US-Plattformen. Doch der estnische Widerstand zeigt, dass Harmonisierung und Souveränität in Spannung stehen. Länder mit funktionierenden Systemen wehren sich gegen Rückbau, Länder ohne solche Systeme sehen die Chance zum Aufholen.

Die europäische Antwort auf diese Spannung ist offen. Entweder akzeptiert die EU digitale Diversität und fokussiert sich auf minimale Schnittstellenstandards – oder sie drängt auf harte Harmonisierung und riskiert Widerstand etablierter Digitalstaaten. Die erste Option kommt dem kanadischen Modell nahe[2]Kanadas Pan-Canadian Trust Framework: Föderale Koordination als Modell für digitale Identität. Portugal testet die zweite Option. Ob sie funktioniert, wird sich nicht in den nächsten Monaten zeigen, sondern in den nächsten Jahren – wenn klar wird, ob andere Mitgliedstaaten tatsächlich folgen oder eigene Wege gehen.

Die Frage ist nicht, ob Portugals Wallet technisch funktioniert. Die Frage ist, ob Europa einen Weg findet, gewachsene digitale Souveränität und neue EU-Standards zu vereinbaren. Estlands Kritik deutet darauf hin, dass dieser Weg steiniger ist als politische Ankündigungen vermuten lassen.