Eine aktuelle Analyse von 50 europäischen eID-Apps zeigt: Deutschland erreicht mit der nPA-App 33 Prozent der Bevölkerung bei den Downloads – aber nur 4,8 Prozent nutzen sie monatlich. Während die Ukraine mit ihrer Diia-App den Beweis erbringt, dass digitale Identitäten funktionieren können, offenbart der europäische Flickenteppich ein grundsätzliches Problem: Technische Verfügbarkeit schafft keine Akzeptanz, wenn der Alltagsnutzen fehlt.
Die jüngste Auswertung[1]Analysis of 50 European eIDs shows most popular apps found in Ukraine and Turkey des KYC-Anbieters Authologic zu europäischen eID-Anwendungen liefert auf den ersten Blick erfreuliche Zahlen. Deutschland kommt auf 23 Millionen Downloads der neuen Personalausweis-App, was einer Reichweite von 33 Prozent der erwachsenen Bevölkerung entspricht. Doch hinter dieser beeindruckenden Verbreitungsquote verbirgt sich eine ernüchternde Realität: Lediglich 4,8 Prozent nutzen die Anwendung monatlich aktiv. Es ist ein Muster, das man mittlerweile als charakteristisch für deutsche Digitalisierungsprojekte bezeichnen kann – die Diskrepanz zwischen formaler Verfügbarkeit und tatsächlicher Nutzung.
Die Authologic-Studie, die Download-Zahlen, monatlich aktive Nutzer und Bevölkerungsanteile in 50 europäischen Ländern auswertet, zeigt dabei ein differenziertes Bild. An der Spitze stehen die Ukraine mit ihrer Diia-App und die Türkei, beide erreichen Download-Raten von etwa 50 Prozent der Bevölkerung. Polen folgt mit 25 Prozent. Doch die interessanteren Erkenntnisse liegen nicht in den bloßen Download-Zahlen, sondern in der Relation zur tatsächlichen Nutzung – und in den strukturellen Mustern, die sich dabei abzeichnen.
Die drei Korrelationen: Größe, Pragmatismus und Geschäftsmodell
Authologic identifiziert drei bemerkenswerte Zusammenhänge.
Erstens: Kleinere Länder mit weniger als fünf Millionen Erwachsenen erreichen im Durchschnitt doppelt so hohe Nutzungsraten wie größere Staaten – 14,3 Prozent gegenüber deutlich niedrigeren Werten. Zypern, Moldau, Estland und Dänemark führen diese Kategorie an. Der Vorteil liegt auf der Hand: geringere institutionelle Komplexität, kürzere Entscheidungswege, homogenere Nutzerstrukturen.
Zweitens zeigt sich, dass eID-Apps in sogenannten digitalen Übergangsländern aktiver genutzt werden, wenn sie auf konkreten Alltagsnutzen ausgelegt sind. Die ukrainische Diia-App ist hier das prominenteste Beispiel – über 21 Millionen aktive Nutzer nutzen mehr als 120 integrierte Services, von Führerschein und Fahrzeugschein über Impfnachweise bis zu Banking-Funktionen. Es ist eine Super-App im klassischen Sinne, die digitale Identität nicht als isolierte hoheitliche Funktion begreift, sondern als Infrastruktur für alltägliche Transaktionen.
Drittens – und das dürfte für Verfechter rein staatlicher Lösungen unbequem sein – funktionieren private oder öffentlich-private Partnerschaften messbar besser. Sie binden Nutzer durch die Integration kommerzieller Services deutlich stärker. Die nordischen Länder zeigen dies exemplarisch: In Schweden und Norwegen sind eID-Funktionen direkt in Banking-Apps integriert, was separate Erhebungen überflüssig macht und gleichzeitig die Nutzung maximiert.
Das deutsche Paradox: Hohe Standards, niedrige Relevanz
Deutschland steht mit seiner nPA-App exemplarisch für ein föderales Paradox. Die technischen Standards sind hoch: Der neue Personalausweis verfügt über einen modernen Chip, die Sicherheitsarchitektur entspricht höchsten Anforderungen. Doch die Zuständigkeiten sind fragmentiert zwischen Bund, Ländern und Kommunen. Die regulatorische Vorsicht dominiert über pragmatische Integration. Und vor allem: Es fehlen zwingende Anreize für private Service-Provider, die nPA-App tatsächlich zu integrieren.
Solange Fintech-Unternehmen weiterhin auf VideoIdent setzen – weil es juristisch abgesichert, prozessual eingeübt und in bestehende Systeme integriert ist – bleibt die nPA-App ein technisches Artefakt ohne Geschäftsmodell-Logik. Die niedrige Quote monatlich aktiver Nutzer ist kein ungenutztes Potenzial, sondern Symptom struktureller Hemmnisse. Es ist die technische Variante dessen, was man in der Unternehmensanalyse als Stranded Asset bezeichnen würde: eine Investition, die ihre Funktion nicht erfüllt, weil das Ökosystem fehlt.
Die EUDI-Wallet-Hoffnung und ihre Risiken
Mit Blick auf die für 2026 geplante europäische Digital Identity Wallet (EUDI) mag man nun hoffen, dass eine EU-weite Lösung die nationale Fragmentierung überwindet. Die Logik ist nachvollziehbar: Grenzüberschreitende Nutzung erfordert interoperable Standards, und nationale Insellösungen behindern den digitalen Binnenmarkt. Doch die Hoffnung auf einen europäischen Standard könnte sich als Illusion erweisen.
Die Risiken sind evident. Erstens: 27 nationale Implementierungen müssen interoperabel werden, bei unterschiedlichen Rechtsrahmen, Sicherheitsanforderungen und politischen Prioritäten. Das ist Konsortialparalyse in Reinform. Zweitens: Ohne zwingende Alltagsnutzen droht auch der EUDI-Wallet eine Authentifizierungshülle zu bleiben, technisch möglich, aber praktisch irrelevant. Drittens: Apple Wallet und Google Wallet integrieren bereits Ausweise in bestehende Ökosysteme mit Milliarden etablierter Nutzer. Die entscheidende Frage ist nicht, ob Europa einen technischen Standard setzen kann – sondern warum Nutzer zu einem EU-Wallet wechseln sollten, wenn ihre Banking-App oder ihre Big-Tech-Wallet bereits funktioniert.
Was funktioniert: Zwingender Nutzen statt universeller Anspruch
Die erfolgreichen Beispiele folgen einem klaren Muster. Die ukrainische Diia-App, Estlands e-Residency-Programm, Dänemarks MitID – sie alle starteten mit einem spezifischen, zwingenden Use Case und expandierten dann schrittweise in angrenzende Services. Sie begreifen digitale Identität nicht als Selbstzweck, sondern als Enabler für konkrete Transaktionen. Sie integrieren statt zu fragmentieren.
Der EUDI-Wallet dagegen startet mit dem Anspruch der Universallösung – ein Ansatz, der historisch für europäische Digitalprojekte charakteristisch ist, die in Pilotphasen versanden. Es ist der Unterschied zwischen evolutionärer Entwicklung und planerischem Universalismus. Ersteres erlaubt Anpassung und Lernen, letzteres erfordert Perfektion von Anfang an.
Authologic’s Position: Profiteur der Fragmentierung
Eine abschließende Betrachtung verdient die Position von Authologic selbst. Als KYC-Anbieter profitiert das Unternehmen zweifach von der gegenwärtigen Situation. Zum einen schafft die Fragmentierung Bedarf: Mehr nationale Schnittstellen bedeuten mehr Komplexität, was Middleware-Lösungen notwendig macht. Zum anderen legitimiert die Forderung nach besseren Daten das eigene Geschäftsmodell. Die Warnung vor Datenlücken ist also durchaus auch Marketing für die eigene Position als notwendiger Intermediär in einem fragmentierten Markt.
Das schmälert den analytischen Wert der Studie nicht, macht aber die Interessenlage transparent. Authologic hat kein genuines Interesse an einer simplen, nutzerfreundlichen Einheitslösung – sondern an einem transparenten, aber komplexen Markt, in dem spezialisierte Dienstleister Mehrwert schaffen können.
Fazit: Verfügbarkeit ist nicht Nutzung
Die Authologic-Daten bestätigen eine fundamentale Einsicht, die über eID-Apps hinausreicht: Technische Verfügbarkeit ohne Alltagsintegration schafft keine Nutzung. Es ist eine Lektion, die deutsche Digitalisierungsprojekte immer wieder neu lernen müssen – oder eben nicht lernen.
ie Differenz zwischen 33 Prozent Reichweite und 4,8 Prozent aktiver Nutzung bei der deutschen nPA-App ist nicht Ausdruck mangelnder Aufklärung oder fehlenden Marketings. Sie ist Ausdruck einer strukturellen Fehlannahme: dass staatliche Bereitstellung automatisch zu gesellschaftlicher Akzeptanz führt.
Die europäische eID-Landschaft ist ein Laboratorium für die Frage, wie digitale Infrastruktur gelingen kann. Die Antwort liegt nicht in technischer Perfektion oder regulatorischer Harmonisierung allein – sondern in der pragmatischen Integration in bestehende Nutzungsroutinen. Ob der EUDI-Wallet diese Lektion beherzigt oder zum nächsten Kapitel europäischer Digital-Ambitionen mit begrenzter Realwirkung wird, bleibt abzuwarten.
References
