Ein neues Konzept aus der KI-Forschung verspricht, Identität aus dem Körper zu lösen und in parallele Agenten zu verteilen. Das klingt nach Science-Fiction – ist es aber nicht mehr. Was Multi-Existence Identity für die Infrastruktur digitaler Identität bedeutet, und warum die eigentlichen Fragen institutioneller Natur sind.
Identitätssysteme arbeiten mit einer stillschweigenden Grundannahme: dass hinter jeder Transaktion, jedem Nachweis, jedem Signaturvorgang genau eine Person steht – physisch, rechtlich, kognitiv singular. Diese Annahme ist nicht nur technisch kodiert, sie ist die Substanz jedes Vertrauensrahmens, von eIDAS bis zur EUDI-Wallet, von qualifizierten Zertifikaten bis zur biometrischen Verifikation.
Ein jüngst vorgelegtes Forschungskonzept beginnt, an dieser Grundannahme zu rütteln. Das Konzept der Multi-Existence Identity (MEI) beschreibt KI-basierte „Identitätskopien”, die kognitive, emotionale und verhaltensbezogene Merkmale einer Person replizieren – und parallel in digitalen Avataren, Robotern und Softwareagenten agieren. Nicht für die Person, wohlgemerkt. Sondern als sie.
Mehr als Delegation – das Versprechen der Identitätskontinuität
Was MEI von bestehenden Konzepten unterscheidet, ist der Anspruch auf Identitätskontinuität. Ein Human Digital Twin ist ein Datenmodell. Ein Telepresence-System ist ein audiovisueller Kanal. Ein klassischer Software-Agent delegiert Aufgaben nach vordefinierten Regeln. MEI beansprucht etwas anderes: konsistente Werte, situative Responsivität, emotionale Muster – nicht als Simulation, sondern als verlängertes Selbst.
Der technische Unterbau folgt einer konsequenten Logik: Sprachmodelle, feingetuned auf persönliche Textkorpora, ergänzt um psychometrische Profile. Algorithmen, die nicht nur Inhalte reproduzieren, sondern Entscheidungslatenzen, Zögern, nonverbale Anmutungen. Eine Synchronisatio…
