Digitale Identität ist eine Infrastrukturfrage – und damit eine Machtfrage. Self-Sovereign Identity verspricht, die Kontrolle über persönliche Daten vom Intermediär zum Nutzer zu verlagern. Ein konzeptioneller Rahmen zeigt, was dafür technisch, ökonomisch und regulatorisch notwendig wäre – und wie weit der Weg dorthin noch ist.
Die Geschichte des digitalen Identitätsmanagements ist eine Geschichte der Abhängigkeiten. Zentrale Verzeichnisse, föderierte Systeme, Social-Login-Infrastrukturen großer Plattformbetreiber – alle drei Modelle lösen das Grundproblem nicht, sondern verschieben es nur: Kontrolle über Identitätsdaten liegt stets bei Dritten, nicht beim Nutzer selbst. Datenschutzmängel, Vendor-Lock-in und die strukturelle Macht von Intermediären sind keine Bugs dieser Architekturen, sondern deren inhärente Logik.
Self-Sovereign Identity (SSI) setzt hier an. Das Konzept beschreibt ein Identitätsparadigma, in dem Nutzer – als sogenannte Holder – ihre Nachweise eigenständig verwalten, ohne auf einen zentralen Identitätsprovider angewiesen zu sein. Technisch stützt sich SSI auf ein Zusammenspiel von dezentralisierten Identifikatoren (DIDs), verifizierbaren Credentials (VCs) und nutzergeführten Wallets, eingebettet in Distributed-Ledger-Infrastrukturen und standardisierte Protokolle. Issuer stellen Nachweise aus, Verifier prüfen sie – ohne dass dabei zwingend ein Plattformbetreiber als Schaltstelle fungieren muss.
Ein jüngst erschienener Artikel unternimmt den Versuch, den bislang fragmentierten SSI-Diskurs konzeptionell zu systematisieren und daraus eine strukturierte Forschungsagenda abzuleiten. Das ist verdienstvoll, denn die Literatur zu SSI leidet an einem grundlegenden Problem: Sie ist reich an Visionen und Prototypen, aber arm an konsistenter Begriffsarbeit und empirischer Fundierung.
Rahmenwerk und Spannungsfelder
Der vorgeschlagene Rahmen integriert drei Dimensionen: Technologie und Architektur, Ökonomik und Geschäftsmodelle sowie Governance und Regulierung. Diese Dreiteilung ist analytisch sinnvoll, weil sie verdeutlicht, dass SSI kein rein technisches Problem ist. Ein skalierbares, sicheres Wallet-System zu bauen, ist eine Frage der Ingenieurskunst. Aber wer hat einen Anreiz, als Issuer aufzutreten? Unter welchen Bedingungen akzeptieren Verifier fremde Credentials? Wer haftet im Streitfall? Diese Fragen lassen sich nicht mit Kryptographie beantworten.
Besonders aufschlussreich ist die Herausarbeitung zentraler Trade-offs. Privatsphäre und Nutzbarkeit stehen in einem strukturellen Spannungsverhältnis: Je granularer die Kontrolle, desto höher die kognitive Last für den Nutzer. Dezentralität und Regulierbarkeit konfligieren, weil staatliche Stellen Ansprechpartner und Durchsetzungsadressaten benötigen, die in dezentralen Architekturen schwer zu verorten sind. Und Nutzerko…
