Geschichte der Standardisierung: Die Nagelrahmtechnik

Von Ralf Keuper

Die Einigung auf bestimmte Begriffe, Verfahren und Maße ist wesentliche Voraussetzung dafür, dass die Unternehmen ihre Produkte auf den Weltmärkten absetzen können. Die arbeitsteilige Wirtschaft würde ohne verbindliche Standards nicht funktionieren. Der Bedarf an Gütern auf Seiten der Verbraucher könnte nicht gedeckt werden; jedenfalls nicht zu vertretbaren Kosten. Innovationen würden aufgrund fehlender Absatzmärkte ausbleiben.

Einen Beleg für die Wirkung von Standards bringt David Landes in Wohlstand und Armut der Nationen das Fabrikwarensystem in den USA zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

Die entscheidende und recht eigentliche amerikanische Innovation war .. gar kein besonderes Gerät, sondern eine Produktionsweise – das später so genannte amerikanische Fabrikwarensystem. Es war eine kreative Reaktion erstens auf einen Markt, auf dem die Europa vorherrschenden lokalen und regionalen Präferenzen ebenso fehlten wie Klassen- und Standesunterschiede, der als standardisierte Artikel aufnehmen konnte; und zweitens auf den im Verhältnis zu den Arbeitsmaterialien erheblichen Mangel an Arbeitskräften. Beides hing zusammen. In einer Volkswirtschaft mit wenig Arbeitskräften bot die Standardisierung eine Möglichkeit, die Arbeit zu teilen und damit zu vereinfachen und zu repetitiven Arbeitsgriffen zu machen, um auf diese Weise die Produktivität zu steigern. Aber schnelles Arbeiten meinte tendenziell die Verschwendung von Material – für Gewohnheiten der Alten Welt wie Ordnung und Sparsamkeit blieb keine Zeit. In Europa drehten selbst reiche Handelsbankiers ihre Briefbögen, wenn sie voll waren, um 90 Grad und schrieben am Rand weiter, um Papier zu sparen.

Besonders bemerkbar machte sich die neue Produktionsweise im Hausbau.

Türen und Fenster wurden auf eine Standardgröße zugeschnitten und zusammengesetzt; Glas war entsprechend vorgeschnitten. .. Dann, in den dreißiger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, führte die Erfindung des Nagel- oder Schwartenrahmhauses zur Normierung und Dequalifizierung des Hausbaus selber. Vorbei waren die Zeiten, in denen man schwere Bauteile für die traditionellen Scheunen und Wohnhäuser brauchte. Vorbei waren die Zeiten des Verzapfens, der Mauer- und Verputzarbeiten, die die Bauten in der Alten Welt erforderten. Statt dessen verwendete man vorgefertigte 2×4-Inch-Balken und nagelte sie zusammen, dann verschalte man das Balkenwerk und setzte die Schindelfassade an, die sich praktisch und gefällig anbot. Die neuen Gebäude waren weder besonders schön, noch wiesen sie irgendwelche ortsgebundenen Stileigenheiten auf; aber sie waren billig, wurden mit Material errichtet, das im Überfluss vorhanden war, und waren von nüchterner Zweckgebundenheit. Die Nagelrahmtechnik fand weite Verbreitung, außer in den Gegenden, wo es wenig Holz gab.

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