Ein Test in der Gemeinde Rijswijk zeigt erstmals, wie digitale Identitätsnachweise, Vertrauensdienste und das europäische Once-Only-System praktisch zusammenwirken können.


Die Europäische Digitale Identität bleibt bislang weitgehend Theorie. Verordnungen wurden verabschiedet, Architekturpapiere zirkulieren, Pilotprojekte laufen in verschiedenen Mitgliedstaaten – doch der Nachweis, dass die einzelnen Komponenten tatsächlich interoperabel funktionieren, steht noch aus. Ein Pilotprojekt aus den Niederlanden liefert nun einen ersten praktischen Beleg.

Der Testaufbau

Die Gemeinde Rijswijk hat im Rahmen eines koordinierten Tests ein digitales Geburtsnachweis-Zertifikat in eine EUDI Wallet ausgestellt. Die Ausstellung und Beglaubigung erfolgten dabei gemäß den Vorgaben der eIDAS-2.0-Verordnung für qualifizierte elektronische Attributbescheinigungen (QEAA). Der niederländische Vertrauensdiensteanbieter Cleverbase übernahm die Signatur und rechtsgültige Beglaubigung der Geburtsdaten. Die technischen Integrationsschnittstellen zwischen dem europäischen Once-Only Technical System (OOTS) und der Gemeindeverwaltung wurden von RINIS und Enable U bereitgestellt.

Bemerkenswert ist weniger der einzelne Vorgang als vielmehr die Tatsache, dass hier erstmals mehrere Systemebenen zusammengeführt wurden: kommunale Register, nationale Vertrauensdienste, die EUDI-Wallet-Infrastruktur und das europäische Datenaustauschsystem OOTS.

Institutioneller Rahmen

Der Test fand im Rahmen eines Hackathons der Vereinigung niederländischer Gemeinden (VNG) statt, unterstützt vom niederländischen Innenministerium und weiteren Partnern. Er ist eingebettet in das Projekt „Uniforme Bronontsluiting” (Einheitliche Quellenanbindung), das eine standardisierte Verbindung zwischen nationalen Registern, Gemeinden und EU-Systemen herstellen soll.

Das Ziel folgt dem Once-Only-Grundsatz: Daten sollen nur einmal erhoben und dann mehrfach genutzt werden können. In der Praxis bedeutet dies, dass Gemeinden künftig verifizierte Personenattribute – etwa Geburtsnachweise – direkt an EU-Behörden übermitteln können. Bürger wiederum können diese Nachweise in ihrer EUDI Wallet speichern und bei Bedarf selbst weitergeben.

Was der Test zeigt – und was nicht

Für die technische Entwicklung der europäischen digitalen Identität ist das Ergebnis relevant. Es demonstriert, dass die verschiedenen Architekturkomponenten grundsätzlich zusammenwirken können: kommunale Fachverfahren, Vertrauensdienste, Wallet-Systeme und die europäische Austauschinfrastruktur.

Die praktischen Auswirkungen bleiben vorerst begrenzt. Die Anwendungsfälle – etwa die Nutzung eines niederländischen Geburtsnachweises für eine Studienanmeldung oder Eheschließung in einem anderen EU-Land – setzen voraus, dass auch die Empfängerseite entsprechend ausgestattet ist. Davon ist die Mehrheit der europäischen Verwaltungen noch weit entfernt.

Zudem bleibt offen, wie sich die technische Interoperabilität in der Fläche bewährt. Ein Hackathon mit ausgewählten Partnern schafft kontrollierte Bedingungen, die sich von der Realität heterogener IT-Landschaften in Tausenden europäischer Kommunen deutlich unterscheiden.

Technische Architektur des Rijswijk-EUDI-Wallet-Tests

Einordnung

Das niederländische Pilotprojekt ist ein notwendiger, aber nicht hinreichender Schritt. Es belegt, dass die konzeptionellen Grundlagen der EUDI-Architektur umsetzbar sind. Die eigentliche Bewährungsprobe steht noch bevor: die flächendeckende Einführung unter realen Bedingungen, mit unterschiedlich leistungsfähigen Verwaltungen, divergierenden nationalen Umsetzungen und der unvermeidlichen Komplexität europäischer Koordinierung.

Ob die Europäische Digitale Identität ihr Versprechen einlösen kann – weniger Bürokratie, einfachere grenzüberschreitende Vorgänge, mehr Kontrolle der Bürger über ihre Daten –, wird sich erst zeigen, wenn solche Tests nicht mehr Ausnahme, sondern Regelfall sind.

Ralf Keuper 


Quellen:

European Commission – „Breakthrough in European Digital Identity Framework: Connection of Dutch Municipalities to Once Only Technical System“
https://ec.europa.eu/digital-building-blocks/sites/spaces/OOTS/pages/935397650/Breakthrough+in+European+Digital+Identity+Framework

Offizielle Darstellung der EU-Kommission zum Hackathon, der Rolle der Gemeinde Rijswijk, Cleverbase, RINIS, Enable U sowie zur Verbindung von OOTS und EUDI Wallet samt nächster Schritte (OOTS Common Services, Verifikationsdienst).​

Biometric Update – „Dutch test demonstrates integration of EUDI Wallet, Once-Only system“
https://www.biometricupdate.com/202601/dutch-test-demonstrates-integration-of-eudi-wallet-once-only-system

Fachartikel, der die EC-Mitteilung zusammenfasst, den Test der Geburtsurkunden-Credential-Ausstellung erklärt und die Bedeutung für OOTS, EUDI Wallet, QTSPs und die geplante European Business Wallet einordnet.​

VNG – „Gemeentelijke brondata succesvol gekoppeld aan EUDI Wallet“ (NL)
https://vng.nl/nieuws/gemeentelijke-brondata-succesvol-gekoppeld-aan-eudi-wallet

Beitrag des niederländischen Gemeindebunds zur erfolgreichen Kopplung kommunaler Basisdaten (u.a. Rijswijk) an EUDI Wallets über die OOTS-Basisinrichtung und einen QTSP im Rahmen des Projekts „Uniforme Bronontsluiting“.

Cleverbase – Hackathon-/Pilot-Dokumentation
https://cleverbase.com/en/news/a-summary-of-the-outcomes-of-the-potential-hackathon-20241018

Übersicht der Ergebnisse eines Hackathons, bei dem mehrere Wallets an Vertrauensdienste gekoppelt wurden; bietet Kontext zu Rolle und technischen Fähigkeiten von Cleverbase als QTSP im EUDI-Umfeld.

Dokument „Ontwerpkeuzes Uniforme Bronontsluiting“ (PDF)
https://digilab.overheid.nl/uploads/uniforme-bronontsluiting/Ontwerpkeuzes%20Uniforme%20Bronontsluiting.pdf

Technisch-konzeptionelles Papier zur „Uniforme Bronontsluiting“ mit Bezug auf Single Digital Gateway, OOTS, EUDI Wallet (eIDAS 2.0) und die eingesetzte eDelivery-/OOTS-Architektur.​

Enable U – „Beproeving uniforme bronontsluiting voor Europa“ (NL)
https://enable-u.nl/uniforme-bronontsluiting-een-oplossing-voor-vele-gegevensverzoeken/

Beschreibung der Pilot- und Testphasen zur Uniforme Bronontsluiting, der Rolle von Kommunen, Enable U, RINIS und der Perspektive auf europäische Interoperabilität und digitale Wallets.​

EC-OOTSHUB – „OOTS-EUDI Wallet synergies final report published“
https://ec.europa.eu/digital-building-blocks/sites/x/LZd1Nw

Hinweis auf den im November veröffentlichten Bericht der Kommission zu sechs Synergien zwischen OOTS und EUDI Wallets (User Experience und Kosteneinsparungen, inkl. getesteter „Investment Synergies“).