Digitale Identifizierung als Medienpraktik

Von Ralf Keuper

Die Identifizierung von Personen ist eng mit den technischen und organisatorischen Möglichkeiten verbunden, die zu dem Zeitpunkt zur Verfügung stehen. Von den Wappen und herrschaftlichen Siegeln des Mittelalters bis zum neuen Personalausweis und selbstverwalteten Digitalen Identitäten zieht sich demnach ein roter Faden. Diese Entwicklung wird in Identifizieren: Theorie und Geschichte einer Medienpraktik näher beschrieben.

Die Kernthese:

Beim Identifizieren handelt es sich um eine ko-operative Medien- und Datenpraktik, an der stets mehr als eine Person beteiligt ist. Sie involviert von Anfang an menschliche Körper samt ihrer semiotischen Ressourcen und koppelt diese mit bürokratischen Aufschreibesystemen. Auch die neuesten digitalen Prozeduren greifen bevorzugt auf Gesichter und Fingerabdrücke zu: Biometrie versucht, den für das Identifizieren konstitutiven Abstand zwischen Konten, Körpern und Personen aufzuheben.

Im Gegensatz zu früheren, analogen Zeiten, ist eine Trennung von Daten, Körpern und Gesichtern in der Digitalmoderne nicht mehr möglich:

Registrieren und Identifizieren beinhalten .. alltägliche logistische Medien- und Datenpraktiken, Adressieren, Einschätzen, Auffinden, Tracking und das Liefern einer Nachricht, eines Objekts oder einer Person. Registrierungs- und Identifizierungstechniken ermöglichen die Referenz auf singularisierte Personen, Zeichen und Objekte, aber auch auf lokalisierte und datierte Verschickungsvorgänge.

Bürokratisierung, Valorisierung, Profilierung und Datenverarbeitung gehen Hand in Hand.

Medien- und Datenpraktiken des Identifizierens konvergieren in digitalen Gegenwartskulturen, Big Data wie maschinelles Lernen sind Mittel zu diesem Zweck.

Identifizierung ist auf bürokratische Hintergrundkooperation angewiesen, sichtbar an der Geschichte der Kreditprüfungsagenturen und Wirtschaftsauskunfteien gegen Mitte des 19. Jahrhunderts. Kunden- und Kreditkarten folgten. Die finanzielle Identität entstand.

Die Buchführungspraktiken, mit denen Geschäfte Kredit einräumten, schufen auf diese Weise eine neue Verbindung von Konto und Person. Konto, Körper und Karte erlaubten als Medienverbund eine Identifizierung und Adressierung des zahlenden – und kreditfähigen – Subjekts ebenso, wie sie Personen eine Erweiterung ihrer Zahlungsmöglichkeiten boten.

Mit den biometrischen Verfahren (Gesichtserkennung, Finger- und Irisscan, Stimmerkennung ) wird der Körper nun direkt in den Identifizierungsvorgang integriert.

Je körpernäher die Beglaubigung der Zahlungsfähigkeit in vernetzter Buchhaltung erfolgt, umso glaubwürdiger erscheint diese – ob nun per Irisscan, Gesichtserkennung oder Fingerabdruck. Kontrollgesellschaften schätzen offenbar die vergleichsweise anonyme Wertzirkulation des Bargeldes nicht mehr, und ersetzen sie durch neue Medienverbünde zwischen Konten, Körpern und Personen.

Daher:

Gegenüber solchen Kaskaden des Registrierens und Identifizierens brauchen wir digitale (Finanz-)Medien, die Pseudonymität und Nichtklassifizierung wieder ermöglichen.

Eine Möglichkeit bietet die Blockchain, die u.a. als Registertechnologie bezeichnet wird.

Als strukturell offene Technologien werden Blockchain-Anwendungen aber auch .. in Sachen Identifizierung angeeignet, oft auf Basis der Open-Source-Plattform Ethereum. So hat die Nicht-Änderbarkeit einmal errechneter Blöcke – die das vertrauenslose Vertrauen bei Blockchains garantieren soll – auch verführerische Qualitäten für die Festlegung und Prüfung digitaler Identitäten. Dieser strukturelle Konservatismus soll digitale Daten eineindeutig verteilt beglaubigen, d.h. infrastrukturell accountable machen – vom einfachen Dokument bis zur persönlichen Identität.

Selbstverwaltete Digitale Identitäten verschärfen die Situation in gewisser Hinsicht:

Paradoxerweise erzeugt mehr Souveränität der Nutzer*innen über ihre Arten des Sich-Ausweisens für die gleichzeitige Aufschichtung neuer Identifikationsinfrastrukturen, die wiederum Kontroll- und Abrechnungsoptionen verschärfen. Besonders deutlich ist diese Dynamik zwischen deklarativen und relationalen Identifizierungen durch die parallele Entwicklung von Social Media und netzwerkanalytischer Geheimdienstüberwachung geworden. Informationelle Selbstbestimmung und Datenfremdbestimmung sind Teil desselben kontroversen Feldes.

Fazit

Dem Sog der Identifizierung kann sich der Einzelne in der Digitalmoderne kaum noch entziehen. Neue Technologien, die den Nutzern die Souveränität an ihren Daten und Identitäten zurückgeben wollen, ändern daran wenig. Allerdings können sie der totalen Überwachung entgegenwirken, indem sie auf dezentrale Datenhaltung setzen.

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1 Antwort zu Digitale Identifizierung als Medienpraktik

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