Eine Bitkom-Umfrage bescheinigt der EUDI-Wallet ein gravierendes Bekanntheitsproblem. 70 Prozent der Deutschen sind mit ihr faktisch nicht vertraut – neun Monate vor dem geplanten Start. Die reflexartige Forderung nach einer Aufklärungskampagne greift jedoch zu kurz. Das eigentliche Risiko liegt nicht im Informationsdefizit, sondern in einer strukturellen Umsetzungslücke, die auch auf der Unternehmensseite sichtbar ist – und in der Verwechslung von Bekanntheit mit Vertrauen.


Am 13. April 2026 veröffentlichte der Digitalverband Bitkom eine Umfrage mit einem ernüchternden Befund: 52 Prozent der Deutschen haben noch nie von der EUDI-Wallet gehört, weitere 18 Prozent kennen zwar den Begriff, wissen aber nicht, was sich dahinter verbirgt. Nur ein Fünftel der Befragten gibt an, das Konzept zu verstehen, lediglich fünf Prozent trauen sich zu, es anderen erklären zu können. Das alles neun Monate vor dem geplanten Start am 2. Januar 2027.

Die Schlussfolgerung, die Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst daraus zieht, folgt einer vertrauten Logik: Es brauche eine „breite Aufklärungskampagne”. Die Wallet sei „eine der bedeutendsten Innovationen dieser Jahre” – sie müsse nur bekannt gemacht werden.

Zur Methodologie zuerst. Die Studie wurde von Bitkom Research im Auftrag von Bitkom durchgeführt – jenem Verband, der zugleich ein vitales institutionelles Interesse daran hat, die EUDI-Wallet zu einem Erfolg zu machen. Das ist kein Vorwurf, sondern eine notwendige Kontextualisierung. Die Fragestellung lautete schlicht: „Haben Sie schon einmal von dem Begriff EUDI-Wallet gelesen oder gehört?” Gemessen wird damit ausschließlich Begriffskenntnis – nicht Einstellungen, nicht Akzeptanzbereitschaft, nicht Vertrauensniveau, nicht wahrgenommener Nutzen. Die Stichprobe (1.004 Personen, repräsentativ) ist methodisch solide; die Interpretation der Ergebnisse folgt jedoch dem Rahmungsinteresse des Auftraggebers. Informationsdefizit als Diagnose legt Kommunikationslösung als Therapie nahe – eine klassische PR-Schere-Konstruktion.

Das eigentliche Strukturproblem liegt woanders. In derselben Datenlage findet sich ein weit aufschlussreicherer Befund, der in der öffentlichen Berichterstattung kaum Beachtung findet: Auf der Unternehmensseite geben zwar 82 Prozent der befragten Unternehmen an, die EUDI-Wallet einsetzen zu wollen. Aber erst vier Prozent haben konkrete Schritte unternommen. Drei Viertel warten noch ab. Mehr als hundert Unternehmen haben ein „Memorandum of Understanding” unterzeichnet – ein Dokument, das keinerlei operative Verbindlichkeit schafft. Hier zeigt sich das eigentliche Risiko: nicht das Bekanntheitsproblem der Bevölkerung, sondern die strukturelle Umsetzungslücke auf der Akzeptanzseite. Eine Wallet, die ab 2027 kaum irgendwo eingesetzt werden kann, wird auch keine Akzeptanz entwickeln – unabhängig von Kampagnenintensität.

Bekanntheit ist nicht Vertrauen. Die Geschichte digitaler Identitätsprojekte in Deutschland lehrt, dass der Übergang von regulatorischer Verfügbarkeit zu alltagspraktischer Adoption kein Informationsproblem ist. Der neue Personalausweis mit Online-Ausweisfunktion war jahrelang bekannt und jahrelang kaum genutzt – nicht weil die Menschen davon nichts wussten, sondern weil der wahrgenommene Nutzen gering war und die Infrastruktur der Akzeptanzstellen fehlte. De-Mail scheiterte nicht an mangelnder Bekanntheit, sondern an fehlendem institutionellen Vertrauen und dem Fehlen kritischer Masse auf beiden Seiten der Transaktion. Das Muster wiederholt sich.

Die eIDAS-2.0-Verordnung, die seit Mai 2024 in Kraft ist, verpflichtet alle EU-Mitgliedstaaten zur Bereitstellung einer zertifizierten Wallet bis Ende 2026 und schreibt ab 2027 eine Akzeptanzpflicht für regulierte Branchen und große Plattformen vor. Die EU strebt bis 2030 eine Nutzungsquote von 80 Prozent an. Das sind regulatorische Mandate – aber kein Adoptionssubstitut. Pflicht zur Bereitstellung und tatsächliche Nutzung sind zwei kategorisch verschiedene Größen.

Was fehlt, ist institutionelle Legitimität, nicht Kommunikationsvolumen. Vertrauen in Identitätsinfrastrukturen entsteht nicht durch Aufklärungskampagnen, sondern durch nachweislich funktionierende Anwendungsfälle, durch transparente Governance-Strukturen und durch die Erfahrung, dass das System die Interessen seiner Nutzer – und nicht primär die regulatorischen Ambitionen seiner Gestalter – schützt. Die Dezentralisierungsarchitektur der EUDI-Wallet, die dem Nutzer Kontrolle über seine Nachweise versprechen soll, ist genau an diesem Punkt entscheidend: ob das Versprechen der Datensouveränität operativ eingelöst wird oder als kommunikative Rahmung funktioniert.

Die Bitkom-Studie ist nützlich als Bestandsaufnahme eines Bekanntheitsgrades. Als Diagnose für die eigentlichen Adoptionsrisiken der EUDI-Wallet reicht sie nicht. Wer den Start im Januar 2027 ernst nimmt, sollte weniger fragen, wie viele Menschen den Begriff kennen – und mehr, warum Unternehmen trotz öffentlicher Bekenntnisse noch nicht bzw. nur zögerlich handeln.

Ralf Keuper 


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