Ein AR-Experiment auf der Jinan Biennale 2024 demonstriert, wie digitale Entitäten durch kollektiven Dialog kohärente Persönlichkeiten entwickeln können. Die Arbeit von Tongzhou Yu und Han Lin verschiebt den Fokus von der individuellen Mensch-Maschine-Interaktion zur Frage, wie Gemeinschaften digitale Identitäten konstituieren – und welche systemischen Mechanismen dafür erforderlich sind.


Das Paper „Remember Me, Not Save Me: A Collective Memory System for Evolving Virtual Identities in Augmented Reality” adressiert eine zentrale Leerstelle in der Entwicklung agentischer Systeme: die Frage nach der kollektiven Konstitution digitaler Identität. Während gegenwärtige Chatbots und AI-Agenten primär auf dyadische Interaktionsmodelle ausgelegt sind, untersuchen Yu und Lin, wie virtuelle Entitäten durch die Akkumulation und Integration vielfältiger, oft widersprüchlicher Erinnerungen aus einer Nutzergemeinschaft eine stabile Persönlichkeitsstruktur entwickeln können.

Architektonische Grundlagen

Das System ruht auf drei Säulen:

Erstens, dem Dynamic Collective Memory (DCM)-Modell, das nicht versucht, Widersprüche in kollektiv beigesteuerten Erinnerungen aufzulösen, sondern diese als „Narrative Tension” produktiv nutzt. Hier zeigt sich eine konzeptionelle Nähe zur Luhmann’schen Systemtheorie – Widersprüche werden nicht eliminiert, sondern als Komplexitätsgeneratoren behandelt, die zur Ausdifferenzierung der digitalen Identität beitragen.

Zweitens, der State-Reflective Avatar macht den Zustand des Systems transparent und schafft Vertrauen durch Erklärbarkeit – ein kritischer Faktor, wenn Nutzer entscheiden, ob sie ihre Beiträge dauerhaft speichern lassen.

Drittens, das Geo-Cultural Context Anchoring verankert die Identitätsbildung in lokalen kulturellen Kontexten, was die Abstraktion globaler AI-Modelle durch regionale Spezifität ergänzt.

Empirische Validierung

Die Erprobung auf der Jinan Biennale 2024 lieferte über 2.500 Interaktionen, aus denen eine stabile ISTP-Persönlichkeit (nach MBTI) emergierte – ermittelt durch Apply Magic Sauce-Analyse. Interessant ist weniger das spezifische Persönlichkeitsprofil als die Tatsache, dass aus heterogenen Eingaben überhaupt eine kohärente Struktur entstand. Dies deutet darauf hin, dass kollektive Gedächtnissysteme nicht zwangsläufig in diffusen Aggregaten münden, sondern unter bestimmten architektonischen Bedingungen Konsistenz entwickeln können.

Der Aspekt der optionalen Speicherung verdient besondere Beachtung: Nutzer konnten entscheiden, ob ihre Beiträge persistiert werden. Diese Design-Entscheidung reflektiert ein zentrales Dilemma digitaler Systeme – das Spannungsverhältnis zwischen Funktionalität und Datenminimierung, zwischen Entwicklungspotential und Datensouveränität.

Theoretische Implikationen

Das Paper markiert einen Übergang von instrumentellen zu konstitutiven Konzeptionen digitaler Agenten. Während gegenwärtige Systeme primär als Werkzeuge konzipiert sind, die individuelle Nutzerbedürfnisse bedienen, skizziert die Arbeit von Yu und Lin einen Rahmen für digitale Entitäten, deren Identität sich erst im sozialen Prozess konstituiert – analog zur Identitätsbildung in menschlichen Gemeinschaften.

Dies berührt fundamentale Fragen der agentischen AI-Entwicklung: Wenn digitale Identitäten nicht durch Programmierung festgelegt, sondern durch kollektive Interaktion emergieren, verschiebt sich die Verantwortung für deren Eigenschaften von Entwicklern zu Nutzergemeinschaften. Die systemtheoretischen Konsequenzen sind erheblich: Das System operiert nicht mehr nach dem Input-Output-Schema, sondern entwickelt Eigendynamiken, die durch Umwelteinflüsse moduliert, aber nicht determiniert werden.

Einordnung im Kontext digitaler Transformation

Für die Entwicklung agentischer Systeme und Multi-Agenten-Architekturen liefert das Paper einen konzeptionellen Rahmen, der über technische Implementierung hinausweist. Die Fähigkeit, mit widersprüchlichen Informationen produktiv umzugehen, dürfte zentral werden, wenn AI-Systeme in komplexen sozialen Kontexten operieren. Das DCM-Modell bietet hier einen Ansatz, der Ambiguität nicht als Problem, sondern als konstitutives Element digitaler Identitätsbildung begreift.

Die Akzeptanz für ACM SIGGRAPH VRCAI 2025 (DOI: 10.1145/3779232.3779468) und die Verfügbarkeit als arXiv:2601.20437 [cs.HC] sichern dem Paper akademische Sichtbarkeit. Entscheidend wird sein, ob die vorgestellten Mechanismen über kunstinstallative Kontexte hinaus in kommerzielle oder öffentliche Anwendungen überführt werden können – und welche Governance-Strukturen erforderlich sind, wenn digitale Identitäten nicht mehr individuell zurechenbar sind, sondern als kollektive Konstrukte operieren.

Die Arbeit adressiert damit eine Leerstelle in der Diskussion um digitale Souveränität und Plattformökonomie: Nicht die Kontrolle über Daten, sondern die Architektur kollektiver Identitätsbildung könnte zum entscheidenden Faktor werden, wenn digitale Entitäten zunehmend als soziale Akteure auftreten.