Telematik-Tarife: Durchwachsene Ergebnisse

Von Ralf Keuper

Für die Versicherungsgesellschaften ist die Verlockung groß, die Daten, die Aufschluss über die Fahrweise eines Kunden geben, für die Berechnung ihrer Tarife zu nutzen. Der Autofahrer zahlt seinem Fahrstil entsprechend – Pay as you drive.

Die Hoffnungen waren groß, wie ein Blick in die Berichterstattung der letzten Jahre zeigt:

Bisher bleiben die Ergebnisse hinter den Erwartungen zurück, wie die FAZ am 28.04.17 in Nicht jeder will sich im Auto überwachen lassen berichtet.

Die R+V-Versicherung brach ihren Pilotversuch nach enttäuschenden Ergebnissen ab. Zu ähnlichen Schlussfolgerungen ist S-Direkt, die Sparkassen-Direktversicherung gelangt, die ihren Dienst ebenfalls eingestellt hat. Lediglich 1000 Autofahrer hätten von dem S-Direkt-Angebot Gebrauch gemacht. Diese mussten, um in den Genuss eines Rabatts auf die Versicherungsprämie zu gelangen, eine Box in ihr Auto einbauen lassen und dafür 100 Euro im Jahr bezahlen. Den Kunden wurde je nach Fahrstil eine Ermäßigung von bis zu 25 Prozent in Aussicht gestellt. Am Ende zeigte sich jedoch, dass die Kosten für die Box zu hoch waren. Nicht viel besser sind die Erfahrungen der VHV-Versicherungsgruppe, deren Kunden die Kosten für die Box ebenfalls zu hoch sind.

Ein wenig aus der Reihe fällt die Allianz-Versicherung. Dort zählt man mittlerweile 30.000 Kunden mit Telematik-Tarifen. Die Messung des Fahrstils erfolg dabei über eine Smartphone-App, die über Bluetooth angeschlossen werden kann. Je nach Fahrstil können Kunden, deren Fahrverhalten in die Klassen Gold (30 Prozent Ermäßigung), Silber (20 Prozent Ermäßigung) und Bronze (10 Prozent Ermäßigung) eingestuft wird, Rabatt erhalten. Die Allianz betont, dass der Datenschutz gewährleistet sei. Sämtliche Fahrdaten würden von einem IT-Unternehmen in Kanada erfasst. Der Versicherer bekomme lediglich einen Score mitgeteilt, so dass keiner der Beteiligten einen Einblick darin habe, wo sich der Fahrer zu welchem Zeitpunkt aufgehalten habe.

Eher positive Erfahrungen mit ihrem Angebot hat auch die HUK mit ihrem Angebot für junge Fahrer gemacht. Wohlwollend beurteilt die Telematik-Tarife die Stiftung Warentest, die kürzlich mehrere Angebote unter die Lupe nahm.  Laut Stiftung Warentest seien über 300 Euro Ersparnis realisierbar:

Die Preise für die Telematik-Tarife, die wir am Markt gefunden haben, gehen weit auseinander. Mit einigen kann unser Modell­kunde, ein 19-jähriger Golf-Fahrer, kräftig sparen. Im güns­tigsten Telematik­tarif zahlt er bei der Sijox 720 Euro jähr­lich, wenn er optimal fährt. Dagegen kostet der güns­tigste Tarif ohne Telematik­option, den unsere Analyse ausweist, bei der Europa 1 057 Euro.

Die Aussagekraft der Daten ist indes noch verbesserungswürdig, da die Apps nur einen Teil des Fahrverhaltens dokumentieren. Ein Tester der Stiftung Warentest wurde erst dann auf seinen schlechten Fahrstil hingewiesen, als er das Auto abgestellt und bereits einige Zeit mit der U-Bahn weiter fuhr. Er hatte schlicht vergessen, seine App auszuschalten.

In seinem Kommentar Heikle Box fasst FAZ-Autor Christian Siedenbiedel seine gemischten Gefühlt in die Worte:

Schon immer versuchen die Versicherer .. , durch mehr Informationen zu differenzieren; traditioneller Ausdruck davon ist der Schadenfreiheitsrabatt. Neue technische Entwicklungen eröffnen aber immer bessere Möglichkeiten. Die Frage, wie weit man das treiben will, ist berechtigt. Den gläsernen Autofahrer will keiner.

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2 Responses to Telematik-Tarife: Durchwachsene Ergebnisse

  1. fuhriello sagt:

    Diese Überwachungstarife haben den Nachteil, dass 90 % aller Autofahrer sich für gute Autofahrer halten, die Einstufung von Marken und Typen je nach Schadensgebiet mysteriös ist und die Kosten für die Überwachung und die Speicherung dieser Daten z.B.
    durch die Allianz “irgendwo in Kanada” so gar nicht zur Seriösität der Versicherungen passen. So lange die Versicherung und der Markt aber ganz alleine darüber bestimmt dass trotz sinkender Unfallzahlen die Beiträge für die Haftpflichtversicherung, die jeder haben muss, der ein Auto fahren will, kontinuierlich steigen, wird die Auswertung dieserFahrdaten solange sie in den Händen der Versicherung bleiben, keine Vorteile für die Kunden bringen. Langjährig unfallfreie Fahrt wird eh schon durch Schadensfreiheitsrabattte belohnt und Anfänger zahlen einen großen Vorleistungssockelbeitrag, ohne wirklich eine echte nachweisbare Gefährdung als “Fahranfänger” zu sein. Die Risikogruppe der 50 – jährigen, die es noch einmal wissen wollen und sich einen Porsche zulegen, werden für dieses für alle Verkehrsteilnehmer riskante Verhalten durch niedrige Beiträge belohnt. Und warum jemand der einen Opel Corsa fährt mehr oder weniger bezahlen soll, wie ein Fiat ist Teil einer intransparenten Versicherungsarithmetik, oder eben der Kumpanei zwischen Autohersteller und Versicherungen. Daher hat man wenig Interesse, die reale Schadenswirklichkeit, die Prognose oder gar die realen Fahrdaten einer unabhängigen Auswertungsplattform zur Verfügung zu stellen, sondern nutzt wie die Autoindustrie das Thema für PR und Marketing Aktivitäten, um in den Medien überhaupt noch außerhalb der Werbung in Anzeigen einen redaktionellen Bericht zu bekommen.

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