Neigt sich das Datenmonopol der Internetkonzerne dem Ende entgegen?

Von Ralf Keuper

Es gilt weithin als unbestritten, dass die großen Internetkonzerne inzwischen das Datenmonopol besitzen, wobei man darüber streiten kann, auf welche Daten sich diese Vormachtstellung bezieht. In erster Linie dürften damit die Verhaltensdaten, die Datenspuren der Nutzer gemeint sein, die sie im Internet hinterlassen und welche Google und andere dafür verwenden, um daraus Profile abzuleiten, die sie dann an die Werbeindustrie verkaufen.

In einem Interview mit der Welt stellt der Chef von TUI, Friedrich Joussen, die steile These auf, dass die Internetkonzerne ihr Datenmonopol verlieren werden. Als Grund dafür nennt er u.a., dass die Internetkonzerne mit dem Endverbraucher eigentlich in keinerlei Geschäftsbeziehung stehen. Ihr Geld verdienen Google & Co. damit, dass sie die aus den Daten gewonnenen Erkenntnisse / Profile an die Werbeindustrie oder andere Unternehmen verkaufen. Anders als TUI hätten Google wie auch die großen Reiseportale keinen direkten Kundenkontakt. Mit der Leistungserbringung, also dem Flug und der Reise, hätten sie dagegen kaum etwas zu tun. Dort sei jedoch der Profit am größten.

Die Vormachtstellung von Google, Alibaba & Co. sieht er vor allem durch die Blockchain-Technologie bedroht, die seiner Ansicht nach für eine Demokratisierung der Datenhaltung sorgen werde. Es entstehe ein neues Internet.

Die Stärke der deutschen Industrie liege weniger bei den Konsumgütern als vielmehr im Bereich B2B. Das könnte für Unternehmen wie Daimler, BMW und Bosch problematisch werden, da es künftig nich mehr so sehr darauf ankomme, wie gut und sicher ein Auto sei. Die Elektromobilität könnte hier für ganz andere Präferenzen der Fahrer/Nutzer sorgen.

So weit, so gut.

Die Argumentation hat eine gewisse Plausibilität. Die Internetkonzerne sind in Sachen Softwareentwicklung nicht so stark, wie man hierzulande gerne glaubt. Die Softwareentwicklung wird lediglich als Mittel zum Zweck gesehen, Geschäftsmodelle in kürzester Zeit zu skalieren. Google, facebook & Co. sind in erster Linie Medienunternehmen. Mit der Produktion, der Begleitung des Kunden über den gesamten Prozess hinweg, haben sie dagegen kaum Erfahrung.

Joussen übersieht dabei jedoch einige wesentliche Punkte:

Alibaba, Amazon, Google & Co. haben sich in den letzten Jahren zu Plattformen entwickelt, die ein breites Spektrum von Dienstleistungen bis hin zu eigenen bzw. dazu gekauften Produkten anbieten. Apple ist Produzent von Smartphones, Tablet-PCs und Laptops (wenngleich die Herstellung hauptsächlich in China erfolgt), Google baut nach wie vor an dem autonomen Auto und stellt Smartphones her, daneben ist das Unternehmen im Bereich Smart Home unterwegs. Amazon ist vor allem als Logistikunternehmen extrem erfolgreich. Außerdem steht Amazon sehr wohl in direktem Kontakt mit den Kunden – auch nach dem Kauf eines Artikel, Buches usw. Hinzu kommt noch Alexa. Die Behauptung, die Internetkonzerne hätten keine direkte Geschäftsbeziehung mit den Kunden, ist daher so nicht haltbar. Hier kommt einmal zum Vorschein, was ein Leser auf heise kürzlich mit Deutsche Konzerne können nicht “Plattform”… kommentierte.

Gegen die Behauptung von Joussen sprechen auch die Beispiele Alipay und WeChat. Mehr Endkundenkontakt geht eigentlich nicht mehr.

Joussen widerspricht sich in seiner Argumentation, wenn er einerseits glaubt, Daimler & Co. seien unersetzbar, andererseits aber einräumt, künftig könnten andere Kriterien als Sicherheit und Präzision beim Autokauf den Ausschlag geben. Der Grund, weshalb Google und Apple so erpicht darauf sind, in das Autogeschäft einzusteigen, ist vor allem der, dass hier so viele Daten produziert werden, wie sonst in kaum einem anderen Lebensbereich der Menschen. Als Beispiele dafür, wie sehr Google bereits in den Autos vertreten ist bzw. sein wird:

Ein weiteres wichtiges Element der Geschäftsmodelle der Internetkonzerne sind die Bezahldaten als letztes Puzzlestück für die universelle Empfehlungsmacht woraus sich erklärt, warum so viele von ihnen eigene Online und Mobile Payment – Lösungen anbieten.

Ob die Blockchain tatsächlich das neue Internet sein wird, wie nicht nur Joussen glaubt, ist keineswegs sicher. Mindestens ebenso plausibel ist es, dass es sich dabei “nur” um ein neues Linux handeln könnte, abgesehen von weiteren Problemen, wie beispielsweise der Tatsache, das es auch bei der Blockchain durchaus zu Machtkonzentrationen kommen kann.

Alles in allem bleibt nicht viel von der These des schwindenden Datenmonopols der Internetkonzerne übrig. Das bedeutet freilich nicht, dass das Monopol von Google & Co. für die Ewigkeit Bestand hat. Entscheidend wird sein, wer die Daten aus dem Umfeld der Industrie 4.0, des IoT, der M2M-Kommunikation in seine Kanäle lenkt. Eine Schlüsselrolle übernehmen dabei die Digitalen Identitäten der technischen Objekte. Und da ist Ausgangsposition der Industrie tatsächlich nicht schlecht. Forderungen nach einer Deregulierung jedoch, wie sie Joussen formuliert, sollten nach den Erfahrungen der Finanzkrise wie überhaupt mit der Deregulierung mit besonderer Skepsis betrachtet werden. Es geht auch darum, die Datensouveränität von Verbrauchern und Unternehmen zu sichern.

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