Die ökonomische Bedeutung digitaler Identitäten

Von Ralf Keuper

Die Kosten, die damit verbunden sind, im Internet die wahre Identität eines Nutzers zu ermitteln sind hoch – selbst in den Industrieländern. Noch mehr gilt dieser Befund für die Schwellen- und Entwicklungsländer. Deren Einwohner verfügen häufig über keine Papiere oder Dokumente, mit denen sie ihre Identität beweisen können. Das führt dazu, dass dieser Personenkreis am wirtschaftlichen Leben, das auch in den Schwellenländern digitaler wird, nicht teilnehmen können. Auf diesen Umstand weist The Economic Value of Digital Identity hin, der wiederum Bezug auf die vor einigen Monaten veröffentlichte Studie Digital identification: A key to inclusive growth nimmt.

Wesentliche Merkmale bzw. Effekte digitaler Identitäten für die Volkswirtschaften:

The economic potential can differ significantly across countries based on two key factors: the share of the economy constricted by bottlenecks that digital ID can address and unlock, such as government benefits and health-care spending; and the potential for value creation by enabling a wide range of digital interactions across the overall economy.

Der Zugang zu Bankdienstleistungen und staatlichen Services ist von hoher Bedeutung, damit die Menschen am Wirtschaftsleben, wie überhaupt am gesellschaftlichen Leben, als autonome Personen teilnehmen können und damit sichtbar werden. Sie bekommen dadurch – im Idealfall – eine Stimme und ein Gesicht.

Der Bedeutung der digitalen Identitäten für Wirtschaft und Gesellschaft macht sich indes auch in den sog. entwickelten Ländern zunehmend bemerkbar. Digitale Identitäten sind die Dampfmaschinen der digitalen Ökonomie (Vgl. dazu: Digitale Identität – Dampfmaschine der digitalen Ökonomie). Davon betroffen sind nicht nur Personen, sondern vor allem auch Maschinen, Geräte und Unternehmen (juristische Personen), die ebenfalls eine verifizierte Identität bekommen. Das wiederum führt zu neuen Rollen- und Geschäftsmodellen (Identity Banks, Personal Banks, Datengenossenschaften, Identity Based Marketing, Identity-Clearing etc.).

Darauf zielen die diversen Initiativen von BigTech, wie das derzeit diskutierte Libra-Projekt von Facebook. Dabei geht häufig unter, dass die anderen Technologiekonzerne wie Microsoft, Apple und Samsung auf diesem Gebiet ebenfalls aktiv sind (Vgl. dazu: Libra und Calibra sind nur der Anfang – die Zukunfts-Analyse von Ralf Keuper).

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What’s an ID Graph

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Bei Libra geht es um die Digitalen Identitäten der Nutzer – worum auch sonst?

Von Ralf Keuper

Das muss für viele ein gewöhnungsbedürftiger Gedanke sein, dass Facebook mit Libra und Calibra in erster Linie auf die Digitalen Identitäten der Nutzer zielt und weniger auf die Etablierung einer eigenen digitalen Währung, wenngleich die Teile zusammen gehören.

Facebook und Google verdanken ihre Vormachtstellung im Markt für Online-Werbung vor allem ihren Social-Logins (Vgl. dazu: How Facebook and Google are taking over your online identity). Insofern ist es nur folgerichtig, wenn facebook mit der Blockchain-Technologie diesen Zustand erhalten will. Weder ist es so, dass facebook seine Absichten hinter dem Berg hält, sofern man die Mühe auf sich nimmt, die Whitepaper zu lesen, noch handelt es sich dabei um einen radikalen Schritt (Vgl. dazu: The radical idea hiding inside Facebook’s digital currency proposal).

Eine eigene Digitale Währung ist das notwendige Ad on, um die Akzeptanz von Libra als globalem Identifizierungsservice zu erhöhen, zumal WeChat und Alipay eine ähnliche Strategie verfolgen.

Alles in allem also, setzt facebook seine Strategie konsequent fort.

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Finextra interviews Mastercard: The Power of Partnerships: Trust, Data & Digital Identity

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Auf der Suche nach dem Amazon für Investitionsgüter Made in Germany

Von Ralf Keuper

Die deutsche Industrie steht vor der Herausforderung, ihre Stellung in der Plattformökonomie zu behaupten. Zwischen die Kunden und die Hersteller haben sich in den letzten Jahren Plattformen wie Amazon und Alibaba geschoben, die, nachdem sie im B2C-Sektor, wie im Buchhandel, eine dominante Marktstellung erreicht haben, nun das B2B-Geschäft, eine Domäne der deutschen Industrie, ins Visier nehmen. Die Anzeichen verdichten sich, dass wir im Investitionsgüterbereich eine ähnliche Entwicklung sehen werden, wie zuvor im Geschäft mit Konsumgütern. Kommt das Amazon für Investitionsgüter aus Deutschland?

Forschungsstandort Lemgo als Treiber von Industrie 4.0

Im Gespräch geht Jürgen Jasperneite (Foto), Professor für Computernetze an der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe und Leiter des dortigen Fraunhofer IOSB-INA, auf die Situation der intelligenten automatisierten Produktion in Deutschland, mit besonderer Berücksichtigung von OWL, ein.

Prof. Dr. Jürgen Jasperneite

Ziel von Industrie 4.0., der vernetzten und automatisierten Produktion über Unternehmensgrenzen hinweg, ist es unter anderem, Produkte, die nach den Wünschen des Kunden hergestellt werden, zu den gleichen Kosten produzieren zu können wie die Produkte aus der Massenfertigung. Im Idealfall macht es also keinen Unterschied, ob das Produkt aus einem Großbetrieb oder einer Manufaktur stammt. Beim Sportartikelhersteller Nike können die Kunden bereits seit Jahren ihre Sportschuhe den eigenen Wünschen nach konfigurieren. Im Investitionsgüterbereich dagegen müssen auf dem Weg dorthin noch einige Hindernisse überwunden werden. Wenn Unternehmenskunden die gleiche User Experience beim Kauf einer Industriellen Stromversorgung erwarten wie bei der Online-Bestellung eines Sportschuhs, dann müssen zuvor die Preisfindungs- und Logistikprozesse automatisiert und aufeinander abgestimmt werden.

Lückenhafte Prozesse verhindern noch die Mass Customization in der Produktion 

Um beim Beispiel Industrielle Stromversorgung zu bleiben – einem Produkt, wie es für die Ausrüster in OWL typisch ist. Der Kunde konfiguriert online das Netzteil. Dabei wird zunächst geprüft, ob die gewünschte Konfiguration realisierbar und lieferbar ist. Ist das der Fall, wird ihm der entsprechende Preis angezeigt. Nachdem der Kunde die Bestellung aufgegeben hat, kann er den Produktionsstatus und den Sendungsverlauf in Echtzeit verfolgen. So oder so ähnlich könnten sich die Merkmale eines Industrie 4.0-Bestellvorgangs beschreiben lassen. Nicht alle Unternehmen sind jedoch bereit, ihre internen Prozesse so weit offen zu legen, könnten auf diese Weise auch Mitbewerber relativ tiefe Einblicke in das Unternehmen bekommen. Ebenso widerstrebt es vielen Unternehmen, dass die Kunden Einfluss auf die Produktion nehmen. Noch ist der Anteil individueller Produkte im Investitionsgüterbereich mit ca. 10 Prozent gering. Fast neunzig Prozent aller individuellen Produkte entfallen auf den Konsumgüterbereich. Dennoch wäre es naiv anzunehmen, dass sich der Investitionsgüterbereich dem Trend hin zur Mass Customization auf Dauer entziehen kann. Noch fehlt, wie bereits erwähnt, die durchgängige IT-Unterstützung der kundennahen Prozesse. Zwar setzen die meisten Unternehmen bereits ERP-Systeme ein und verfügen über Web Shops; sobald der Auftrag jedoch im Vertrieb landet, werden die Aufträge in den meisten Fällen noch papierbasiert und händisch weiterbearbeitet, u.a. für Kalkulationszwecke. Ebenfalls hapert es an der richtigen User Experience, wie die Kunden sie von Amazon und Apple bereits gewohnt sind.

Bereits in den 1990er Jahren wagte James Brian Quinn in „Intelligent Enterprise“ die Aussage, dass die Zukunft den Service-Technologien gehöre. Branchengrenzen würden damit durchlässiger:

Most importantly perhaps, the widespread penetration of service technologies has virtually destroyed the boundaries of all industries. The example of the financial service industry is often cited. But airlines no longer compete just against airlines. They also compete against travel agents, tour groups, retailers, financial service companies, ground transportation providers, communication companies (…).

Vom Lieferanten zum Betreiber – Pragmatismus trifft auf German (Over-)Engineering

Für ein Land wie Deutschland, mit einem starken industriellen Kern und einem Schwerpunkt auf Hardware, ist dieser Wandel besonders herausfordernd. Wenn auch bei den Maschinen der Anteil der Software und Services wächst und sich infolgedessen die Wertschöpfung verschiebt, dann müssen die Unternehmen ihre Geschäftsmodelle und Organisationsstrukturen anpassen. Die Hoffnung, mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz bzw. Maschinellem Lernen würden sich quasi wie von selbst neue Einnahmequellen generieren lassen, scheitert allzu oft an der Realität. Ohne den richtigen Vertrieb, der es versteht, Services statt Hardware zu verkaufen, ohne Anpassungen an den internen Wertschöpfungsketten bleiben die erhofften Mehrerlöse aus. Jasperneite sieht die größte Herausforderung für die Unternehmen in dem Rollenwechsel vom Lieferanten zum Serviceanbieter. Nur wenige Unternehmen aus der Industrie haben es bisher vermocht, diesen Wandel mit Erfolg zu vollziehen. Beispielhaft, so Jasperneite, seien General Electric (GE) Renewable Energy und Rolls-Royce Turbinen. GE Renewable Energy betreibt ganze Windparks. Dabei setzt GE gezielt die Predictive Maintenance ein, um die Windparks (Assets) optimal auszulasten und die Verfügbarkeit zu gewährleisten (Vgl. dazu: Digital Wind Asset Performance Management from GE Renewable Energy). Einen ähnlichen Service bietet Rolls-Royce den Fluggesellschaften an, wie mit dem Engine Health Monitoring für Flugzeug-Turbinen. Weitere Geschäftsmodelle in dem Zusammenhang sind Miles as a Service und Mobility as a Service.  In Zukunft sollen sich die Triebwerke selbst warten können (Vgl. dazu: Wenn Nano-Roboter durchs Triebwerk krabbeln).

Digitale Zwillinge ermöglichen neue, servicebasierte Geschäftsmodelle 

Damit die Windräder und Triebwerke aus der Ferne gewartet werden können, bekommen sie digitale Zwillinge (Digital Twins) an die Seite gestellt. Dabei wird von einem physischen Gegenstand ein digitales Modell erzeugt, das die wesentlichen Eigenschaften (wie geometrische oder funktionale) der Maschine oder Komponente enthält. Um beim zuvor erwähnten Beispiel der Industriellen Stromversorgung zu bleiben: Der digitale Zwilling begleitet das Netzteil von der Wiege bis zur Bahre. Technisches Gerät und Zwilling sind per Datenkopplung (Sensoren, Cloud) miteinander verbunden. Während seiner Nutzungsdauer liefert der Zwilling Informationen, z.B. über Betriebs- oder Wartungszustände. Ein weiterer Vorteil digitaler Zwillinge ist, dass neue Funktionen simuliert und getestet werden können, bevor sie in physischen Maschinen integriert werden. Zurück zur Industriellen Stromversorgung: Diese wird häufig in einen Schaltschrank integriert. Der Schaltschrank besitzt selbst nun wiederum einen Digitalen Zwilling, bestehend aus weiteren digitalen Zwillingen, wie dem für die Stromversorgung. Diese liefert nun Informationen über wichtige Betriebs- oder Wartungszustände und die Einbauposition. Diese Informationen sind wiederum wichtig für die Instandhaltung. Große Teile der Datenverarbeitung werden dezentral, in bzw. an der Maschine, an dem Geräte durchgeführt (Vgl. dazu: Intelligente elektrische Steckverbinder für die dezentrale Datenverarbeitung).

Herausforderung China

Als der Roboterhersteller Kuka vor einigen Jahren in chinesische Hände geriet, war die Bestürzung groß. Die Rede war vom Ausverkauf deutscher “Hidden Champions”. Die Hoffnungen, der Standort Augsburg würde von dem chinesischen Engagement profitierten, haben sich indes zerschlagen (Vgl. dazu: Was planen die Chinesen mit Kuka? & Re: Schluss mit “Made in Germany”? Chinas Run auf den Mittelstand Doku (2017)). Kuka-Eigentümer Midea plant die Produktionskapazitäten in China deutlich auszubauen. Derweil werden in Augsburg Stellen abgebaut. Viele Kommentatoren äußern die Ansicht, dass Kuka die Zukunft ohnehin verschlafen habe. Der plötzliche Abgang des Kuka-Chefs war demnach nicht so spontan, wie in den Medien dargestellt. Die Vermutung liegt nahe, dass Midea ohnehin eher an den Patenten und Lizenzen von Kuka interessiert ist, als an dem Unternehmen selber.

Die chinesische Regierung hat mit Made in China 2025 die Richtung vorgegeben. Ziel ist das Land auf dem Weltmarkt für Hochtechnologien an die Spitze zu bringen. Die Rolle als verlängerte Werkbank will China so schnell wie möglich ablegen. Das bringt es mit sich, dass China seine Abhängigkeit von ausländischen Unternehmen deutlich reduzieren wird. Bis das Land über genügend Know-how verfügt, werden die Dienste deutscher und anderer Unternehmen aus dem Ausland gerne in Anspruch genommen und ihre Präsenz vor Ort wird geduldet. Insofern spielt die Zeit für China.

Auf der Suche nach dem Amazon für Investitionsgüter Made in Germany

Ob das Amazon der Investitionsgüter aus Deutschland oder Europa kommen wird, ist momentan eher unwahrscheinlich, obgleich eine aktuelle Studie hier mehr Zuversicht versprüht (Vgl. dazu: Smarte Regulierung von digitalen Plattformen – Positionspapier). Wenn die Produktion sich in Zukunft nach den Wünschen der Kunden richtet, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich im Industriellen Internet wiederholt, was im kommerziellen Internet eingetreten ist: Die Dominanz einiger weniger Plattformen und Ökosysteme, denen es gelingt, mit der richtigen User Experience die Kundenschnittstelle zu besetzen:

The industrial IoT domain summarizes everything what is outside the classical consumer domain with a strong emphasis on B2B business. In general, there is a convergence of consumer and industrial internet. We see signs of “consumerization”, for instance, in the home market through the appearance of voice control appliances like Amazon’s Alexa or Apples Homepad. Also, it is typically the case in the automotive industry in which consumer and industrial platforms are merging the concept of connected and automated driving (…) (in: Cognitive Hyperconnected Digital Transformation. Internet of Things Intelligence Evolution)

Insofern ist es zu wünschen, dass die Anwendungsforschung hierzulande, wie sie auf dem Innovation Campus Lemgo am Fraunhofer IOSB-INA, an der SmartFactoryOWL und am Centrum Industrial IT auf vorbildliche Weise erfolgt, Impulse gibt, wie wir ein Amazon für Investitionsgüter Made in Germany an den Start bringen können.

Crosspost von Westfalenlob

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Digitale Identitäten als Singularitäten

Von Ralf Keuper

In der Vergangenheit wurde das Besondere als Kontrast zum Allgemeinen wahrgenommen. Etwas Besonderes war von der Anzahl her gering, beim Kunstwerk sogar nur einmalig. Mit der Digitalmoderne nun kommt es zu dem auf den ersten Blick paradoxen Phänomen, dass sich das Besondere in Form von Singularitäten massenhaft verbreitet. Der alte Gegensatz scheint hinfällig geworden zu sein. In seinem vielbeachteten Buch Die Gesellschaft der Singularitäten beschreibt Andreas Reckwitz diesen Wandel, der für den Übergang von Industriegesellschaft hin zur Spätmoderne oder Digitalmoderne steht:

Die Überlagerung der alten Logik des Allgemeinen der Industriegesellschaft durch eine soziale Logik des Besonderen der Spätmoderne betrifft letztlich und in außerordentlichem Maße die Formen des Sozialen, des Kollektivs und des Politischen zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Singualrisiert werden keineswegs nur Individuen oder Dinge, sondern auch Kollektive.

Über den Vorgang der Singularisierung:

Die Singularitäten sind nicht kurzerhand objektiv oder subjektiv vorhanden, sondern durch und durch sozial fabriziert. Was als eine Einzigartigkeit gilt und als solche erlebt wird, ergibt sich, .., ausschließlich in und durch soziale Praktiken der Wahrnehmung, des Bewertens, der Produktion und der Aneignung, in denen Menschen, Güter, Gemeinschaften, Bilder, Bücher, Städte, Events und dergleichen singularisiert werden.

Kurzum: Alles lässt sich irgendwie typisieren – auch das Besondere, das früher als Originalität, als etwas Einzigartiges, Einmaliges galt.

Besonders sichtbar wird die Singularisierung laut Reckwitz bei der automatischen Profilerstellung, wie bei der Profilpflege von den Nutzern in den sozialen Netzwerken, oder in Form der automatischen Profilerstellung vor allem von facebook und Google zum Geschäftsprinzip erhoben wird.

Über den Unterschied zwischen dem öffentlichen und den maschinell erstellten Nutzerprofilen:

Anders als das öffentliche Profil von Nutzern braucht dieses maschinelle Subjekt-Profil keine identifizierbare Kohärenz zu besitzen; es reicht, dass es sich beim Subjekt um ein Ensemble heterogener Präferenzstrukturen handelt, bezogen etwa auf Musikstile, Politik und Bekleidung. Das Subjekt erscheint in der algorithmischen Beobachtung als eine Art multiples Selbst, dessen einzelne Bestandteile in der vergleichenden Perspektive Muster bilden, die sich auch bei anderen Nutzern zeigen.

Das maschinelle Profil benötigt nur Attribute, bestimme Merkmale einer Person, die sich mit den Profilen anderer korrelieren und in irgendeiner Form, meist zu Werbezwecken, vermarkten lassen.

Spätestens hier stellt sich die Frage, ob die Nutzer auf diese Weise nicht zu Objekten degradiert werden, die gemessen, gewogen und miteinander verglichen werden können, wobei bestimmte Merkmale unter den Tisch fallen, da ökonomisch ohne Wert. Wird die Würde des Menschen damit nicht granularisiert bzw. negiert? (Vgl. dazu: Wird die Würde des Menschen durch die Digitalisierung granularisiert?). Digitale Identitäten sind hiervon besonders betroffen. Wer sorgt dafür, dass die Digitalen Identitäten nicht automatisch mit der Person und ihrer Eigenkomplexität, die sich eben nicht bewerten und messen lässt, weder in der Logik des Marktes noch in der des Sozialen, zusammenfallen? Dass mit der Verbreitung Digitaler Identitäten die Singularisierung voran getrieben wird, steht außer Zweifel – das gilt vor allem für technische Objekte und Geräte. Können die digitalen Identitäten der Menschen mit denen der Objekte vermischt werden, ohne dass wir Gefahr laufen, Menschen mit Maschinen und Objekten gleichzusetzen? Oder anders: Schreiben wir irgendwann den Maschinen ähnliche Eigenschaften wie den Menschen, wie z.B. das Bewusstsein und Gefühle zu, um damit die Unterschiede zu überwinden bzw. zu verwischen und damit so ziemlich alles messbar zu machen? Wann schießen wir über das Ziel hinaus? Können Selbstverwaltete Digitale Identitäten hier Abhilfe leisten, da es mit ihnen möglich ist sich, anonym im Netz zu bewegen oder nur bestimmte Merkmale nach außen zu geben?

Wie wir es auch drehen und wenden: Wir benötigen in Zukunft Institutionen und Verfahren, die uns davor beschützen, auf den Rang reiner Objekte reduziert zu werden. Welche Logik soll in der Wirtschaft und Gesellschaft der Spätmoderne bestimmend sein – die der Algorithmen? Wer übernimmt die Funktionen der Überwachung und Kritik? Sind Digitale Identitäten ein Stück der Persönlichkeit, oder stellen sie einen Vermögenswert dar, den es ebenfalls zu schützen gilt?

Richtig ist wohl, dass die Gesellschaft granularer wird, was dazu führt, dass Merkmale, die früher als besonders bewertet wurden, zu Mustern und Typen zusammengesetzt werden können, die dann nur noch in Nuancen voneinander abweichen, z.B. dadurch, dass sie sich im Gebrauch und Besitz von Objekten und Geräten voneinander unterscheiden. Jeden Maschine wird – in Maßen – zu etwas Besonderem, das spezieller Pflege (Predictive Maintenance, Personalisierung) bedarf. Wer es als Anbieter schafft, diesen Graubereich zu bewirtschaften oder hier vermittelnd tätig zu sein, ohne dabei in den Verdacht der Überwachung und Manipulation zu geraten, ist König.

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Blockchain 2.0 – einfach erklärt – weit mehr als nur Bitcoin

Von Ralf Keuper

Es wurde höchste Zeit für ein Buch, das einen nüchternen Blick auf das Potenzial der Blockchain wirft, wie Blockchain 2.0 von Julian Hosp. Noch immer tauchen Beiträge auf, die den Eindruck erwecken, als wäre die Blockchain-Technologie für jede Fragestellung – bis hin zur Sicherung des Weltfriedens – das Mittel der Wahl. Dass die meisten der in den letzten Jahren hochgezüchteten Erwartungen von der Blockchain nicht eingelöst werden können, wird nach der Lektüre des Buches nochmals deutlich. Hosp, Mit-Gründer und Präsident von TenX und Initiator der #Cryptofit Community, ist selbst von dem Potenzial der Blockchain überzeugt, was aber nicht dazu führt, dass er die Blockchain für jeden Anwendungsfall für die richtige Option hält. So wägt er die Stärken und Schwächen der Blockchain gegeneinander ab, um danach verschiedene Anwendungsfälle (Besitz, Datenschutz, Smart Contracts, Tokenisierung, Transparenz, Redundanz, Dazugehörigkeit) zu analysieren und auf ihre Erfolgschancen hin zu bewerten. Ein weiteres Kapitel ist den sieben Gefahren für die Blockchain-Technologie gewidmet (Hype, Skandale, Regulierung, Quantencomputer, KI, Alternative Technologien, Benevolente Diktaturen). Im Anschluss daran werden die Blockchain-Alternativen Tangle und Hashgraph auf ihre Stärken und Schwächen untersucht.

Hosp geht davon aus, dass es in Zukunft einen ausgewogeneren Mix aus dezentralen und zentralen Organisationsformen geben wird.

Auch wenn ich durch meine #Cryptofit-Bewegung .. nachhelfen will, so wird es komplett dezentral nicht funktionieren. Menschen brauchen einen Kunden-Support und wollen bei gewissen Dingen an die Hand genommen werden. Genau deshalb glaube ich auch, dass in Zukunft ein Mix aus dezentral und zentral vorherrschen wird. Dies ist ähnlich, wie niemand eine reine Monarchie oder Anarchie will, auch wenn beides theoretisch auf dem Papier funktionieren würde – solange alles perfekt läuft. .. So bevorzugen wir lieber etwas in der Mitte zwischen Monarchie und Anarchie, und eine ähnliche Entwicklung wird sich auch bei der Fragen nach Zentralisierung und Dezentralisierung vollziehen. Entscheidend wird jedoch sein, dass sich diese Systeme ergänzen müssen und dass sie sich zugleich nicht vermischen dürfen. Es bedarf also nicht ein System aus 60 Prozent Dezentralisierung und 40 Prozent Zentralisierung, sondern ein zu 100 Prozent dezentrales System muss mit einem zu 100 Prozent zentralen System zusammenarbeiten, wobei jedes System die Nachteile des jeweils anderen Systems ausmerzt.

In dem aktuellen Podcast Deshalb liegen die Facebook-Coin Kritiker falsch beschäftigt sich Hosp mit dem facebook-Projekt Libra.

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Libra/Calibra: Facebook Is Building A Central Bank

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Calibra – ein ziemliches Kaliber: Endspiel für die Banken- und Medienindustrie

Von Ralf Keuper

Vor gut anderthalb Jahren wurde auf diesem Blog in den Beiträgen Scheitern Facebook, Google & Co. am Datenschutz? und Am 28. Januar ist Data Protection Day: Quo vadis Digitales Geschäftsmodell? auf den Strategiewechsel von Google und Facebook in Sachen Datenschutz und Privacy hingewiesen. Inzwischen hat uns die Realität eingeholt, wie Facebook mit seiner Digital Wallet Calibra unter Beweis stellt. Facebook macht ernst, und disrupted sich selbst.

Über Calibra:

Was ist Calibra? Calibra wurde als digitales Wallet konzipiert, das als Depot dient und in dem die digitale Währung Libra gespeichert wird. Die Nutzung der Währung erfolgt ebenfalls über das Wallet. Calibra ist auf den Plattformen von Facebook verfügbar – anfangs auf WhatsApp und im Messenger – und wird als eigenständige App unter iOS und Android bereitgestellt.

Großen Wert legt man auf den Verbraucher- und Datenschutz. Selbst Facebook soll von den Daten nicht profitieren:

Abgesehen von einigen wenigen Fällen teilt Calibra ohne Einwilligung des Kunden keine Kontoinformationen oder Finanzdaten mit Facebook, Inc. oder irgendeinem Dritten. Die Kontoinformationen und Finanzdaten 
der Kunden von Calibra werden beispielsweise nicht verwendet, um das Anzeigen-Targeting in der Produktfamilie von Facebook, Inc. zu verbessern. Die wenigen Fälle, in denen diese Daten geteilt werden könnten, ergeben sich aus der Notwendigkeit, dass wir für die Sicherheit der Nutzer sorgen, gesetzliche Vorschriften einhalten und den Nutzern von Calibra gewisse Grundfunktionen bereitstellen müssen. 

Zum Thema Compliance / Identifizierung:

Calibra ergreift die folgenden Schritte, um die Einhaltung der AML-/CFT-Anforderungen und Best Practices zu gewährleisten, wenn es darum geht, Calibra-Kunden zu identifizieren (Anforderungen zur Kundenidentität, Know Your Customer, KYC):

Identitätsprüfung (dokumentarischer und nicht dokumentarischer Nachweis). 

Anwendung von Due Diligence für Kunden unter Berücksichtigung ihres Risikoprofils.

Anwendung modernster Technologien wie des maschinellen Lernens, um das KYC- und AML-/CFT-Programm zu verbessern.◦

Meldung verdächtiger Aktivitäten bei den zuständigen Rechtsbehörden.

Über Beziehung zwischen Calibra, Libra und Facebook:

Facebook hat Calibra, ein reguliertes Tochterunternehmen, gegründet, 
um die Trennung zwischen sozialen und finanziellen Daten zu gewährleisten. Außerdem wird Calibra im Namen von Facebook Dienstleistungen im Libra-Netzwerk aufbauen und betreiben. Sobald das Libra-Netzwerk gestartet ist, werden Facebook und seine verbundenen Unternehmen dieselben Pflichten, Privilegien und finanziellen Verpflichtungen wie alle anderen Gründungsmitglieder haben. Als ein Mitglied unter vielen wird Facebooks Rolle in der Steuerung der Association dieselbe sein wie die der anderen Mitglieder.

Die Nutzer sollen im Libra-Ökosystem die Möglichkeit haben, sich pseudonym zu bewegen. Sie können sich mehrere Pseudo-Identiätten zulegen. Die Transaktionen enthalten keine Verbindung zur Identität der Nutzer in der realen Welt, wie in Facebook will eine digitale Weltwährung etablieren zu erfahren ist. Auch Apple bietet mit seinem neuen Service Sign in with Apple den Nutzern die Möglichkeit, Wegwerf- bzw. Einmal-Mailadressen zu verwenden.

Sollte das Ökosystem aus Libra, Calibra und Facebook Erfolg haben, dann sieht es für die Banken- und Medienindustrie richtig düster aus. Ihnen wird das Geschäftsmodell unter ihrem Hintern weggezogen, ohne dass sich noch große Möglichkeiten hätten, das Unheil abzuwenden. Der Verschmelzung Digitaler Identitäten, Payments und sozialen Netzwerken haben Banken und Medienunternehmen nicht mehr viel entgegenzusetzen. Das Thema Datenschutz und Sicherheit, eines der letzten Differenzierungsmerkmale der Banken, haben nun ausgerechnet Facebook und Apple für sich reklamiert. Sie sind dabei den Webfehler des Internets, den fehlenden Identity Layer, zu beheben und den Layer unter ihre indirekte Kontrolle zu bringen. Facebook schreckt dabei nicht mal davor zurück, mit der Blockchain-Technologien einen Ansatz zu wählen, der sich – zumindest auf den ersten Blick – diametral zum eigenen Geschäftsmodell verhält. Es ist davon auszugehen, dass Google schon bald dem Beispiel von Facebook und Apple folgen wird, zumal Tim Cook den Druck auf seine Mitbewerber zuletzt deutlich erhöht hat (Vgl. dazu: Tim Cook attackiert Tech-Firmen als “Chaosfabrik”).

Datenschutz und Privatheit werden auf einmal zum Verkaufsargument. Währenddessen sind Deutschland und Europa dabei, auch hier, einer ihrer letzten Domänen, den Anschluss ausgerechnet an die Datenkraken aus dem Silicon Valley zu verlieren. Wenn jetzt noch das Internet der Dinge und Industrie 4.0 in den Sog von Facebook, Apple & Co geraten, wovon man ausgehen darf, dann wird es richtig eng – und zwar für die Industrie. Die Banken und Medienunternehmen sind nicht mehr zu retten, wohl aber noch das Herzstück der deutschen und europäischen Wirtschaft. Aber auch hier bleibt nicht mehr viel Zeit.

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Digitale Identitäten im Gesundheitssektor

Von Ralf Keuper

Dass digitale Identitäten für den Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen unabdingbar sind, dürfte kaum noch strittig sein. Bei der Frage, wie dieser Zugang hergestellt und gesichert werden soll, gehen die Meinungen dagegen schnell auseinander. Im Gesundheitssektor wäre hier die Diskussion um die Gesundheitskarte bzw. die Patientenakte zu nennen (Vgl. Die digitale Patientenakte kommt – bloß wann?).

Virtuelle eGK

Das Bundesgesundheitsministerium hat vor einigen Monaten ein Forschungsprojekt für eine virtuelle Gesundheitskarte aufgelegt (Vgl. dazu: Öffentliche Bekanntmachung des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) Konzeptionierung und modellhafte Demonstration einer virtuellen elektronischen Gesundheitskarte)

Eine virtuelle eGK soll es den Versicherten ermöglichen, eine sichere Kommunikation auch ohne den Einsatz einer physischen eGK durchzuführen. Diese virtuelle Variante der eGK soll der
Nutzerin/dem Nutzer auf diesem Weg das Schlüsselmaterial der eigentlichen eGK zur Verfügung stellen, auch ohne diese direkt zu nutzen. Auf diese Weise müssen Nutzerinnen und Nutzer sich nur
einmal gegenüber einem mobilen Endgerät mit ihrer eGK und PIN identifizieren und können für einen bestimmten Zeitraum oder auch komplett auf die physische eGK verzichten. Auf diese Weise können Anwendungsfälle mit substanziellem und ggf. hohem Schutzniveau (gemäß der eIDAS-VO) mittels der virtuellen eGK auf dem mobilen Endgerät genutzt werden. Außerhalb des
Gesundheitswesens haben sich ähnliche Verfahren bereits bei der AusweisApp (neuer Personalausweis) bzw. im Zahlungsverkehr etabliert.

Vorbild Estland

Wie so oft, richten sie die Blicke in Sachen Digitalisierung im E-Government auch hier nach Estland. In einem Interview erläutert, Mari Aru, Wirtschafts- und Handelsdiplomatin der Botschaft von Estland in Berlin, die Vorzüge des estischen Modells:

Da die digitale Verwaltung für die Esten selbstverständlich ist, zeigen die Esten auch eine hohe Zustimmung für die digitale Gesundheit. Unser System beruht auf einigen Grundsteinen wie der sicheren elektronischen Identität für alle oder auch diversen digitalen Registern und Datenbanken, die untereinander sicher verbunden sind und miteinander kommunizieren können. Im Gesundheitsbereich gibt es eine elektronische Krankenakte mit einer Bilderdatenbank, in der zum Beispiel alle Röntgenaufnahmen zu finden sind. Die estnischen Ärzte verschreiben digitale Rezepte, das heißt, dass die Information über verordnete Arzneimittel auf elektronischem Wege vom Arzt in die Apotheke geht und kein Papier mehr benötigt wird. Darüber hinaus gibt es ein e-Krankenwagen-System, sodass die lebenswichtigen Patientendaten aus dem Krankenwagen direkt online zum Krankenhaus übermittelt werden. Diese Systeme sind zeitsparend und unter bestimmten Umständen auch lebensrettend.

Länder wie Botswana, Thailand, Korea und Indien sind den Esten dicht auf den Fersen (Vgl. dazu: The Role of Digital Identi cation for Healthcare: The Emerging Use Cases ).

Einige Projekte

Vor einiger Zeit hat die Bertelsmann Stiftung ihre Überlegungen zur Ausgestaltung elektronischer Patientenakten in dem Beitrag Access granted: So lassen sich Zugriffs-Berechtigungen in Elektronischen Patientenakten flexibel und individuell regeln vorgestellt (Vgl. dazu: Der digitale Patient: Zugriffsberechtigungen für elektronische Patientenakten). In dem vom Bundesministerium für Wirtschaft und Forschung geförderten Projekt Guided AL hat die Scheer GmbH eine sichere Gesundheitsplattform für die Assekuranz entwickelt (Vgl. dazu: Sichere Gesundheitplattformen für die Assekuranz (Guided AL)). Hervorzuheben in dem Zusammenhang ist der Medical Dataspace.

Schwieriger Übergang von Hardware zur Software

Wie u.a. die von diesem Blog in Kooperation mit Bankstil durchgeführte Studie Identity-Ökosysteme in Deutschland zeigt, ist hierzulande die Smartcard im Gesundheitssektor das bevorzugte Medium, also Hardware – sichtbar in dem Identity-Ökosystem in und um Kiel wie mit der Ingenico Healthcare eID und der ehemaligen Orga Card. Die Virtualisierung, der Übergang der physischen Karte auf mobile Endgeräte, gestaltet sich dagegen schwierig. Es gibt nur wenige Identifizierungsanbieter im Gesundheitssektor, die Hardware und Software zusammen betrachten, wie Identos.

Gesundheits-Banken

Welche Rolle könnten selbstverwaltete Digitale Identitäten auf Blockchain-Basis übernehmen? Der Nutzer könnte selber bestimmten, welche Gesundheitsinformationen er Dritten für welche Zwecke und für welche Dauer er zur Verfügung stellt (Vgl. dazu: Self Sovereign Identity in Healthcare with Dr Manreet Nijjar from truu.id). Oder benötigen wir darauf spezialisierte Institutionen wie die Healthbank in der Schweiz?

Die Verbindung zum Banking ist naheliegend. Seit einiger Zeit kursiert die Idee einer Biometrischen-Bank (Vgl. dazu: Eine Bank für “nackte Kunden”. Einer der Akteure ist Dermalog. Wie verhalten sich Healthcare und das IoT zueinander? (Vgl. dazu: IoT in Healthcare: Are We Witnessing a New Revolution?). Wie kann sichergestellt werden, dass Geräte, welche auf die ID und die Gesundheitsdaten des Patienten zugreifen dazu berechtigt sind? Hier kommen sichere Digitale Identitäten für Maschinen und Geräte ins Spiel. Damit zeigt sich, dass Healthcare nicht isoliert betrachtet werden sollte.

Weitere Informationen:

ÄRZTLICHER WIDERSTAND GEGEN ELEKTRONISCHE GESUNDHEITSKARTE UND TELEMATIK-INFRASTRUKTUR

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